W. Weilenmann
Dr. med. dent.
Walter Weilenmann
eidg. dipl. Zahnarzt
dipl. Natw. ETH
Mitglied SSO, SSGS
und SSO-Zürich.

Reizarme Zahnbehandlungen (Praxis)

Die Techniken einer reizarmen Zahnbehandlung finden auf drei Ebenen statt:
  • 1. manuell: leichthändige, schmerzfreie Manipulationen im Mund,
  • 2. physiologisch: wohltuende Massnahmen gegen die Angstgefühle, und
  • 3. mit Worten: Ermunterungen und Unterstützung der Patientenwünsche.

Die Theorie zu den reizarmen Techniken ist hier.

Ohne Medikamente, Lachgas, Hypnose und Narkose?
Diese Mittel erschweren reizarme Behandlungen. Sie werden passiv und hilflos und können nicht melden, wenn etwas stört. Und Sie können nicht lernen, dass man reizarme Zahnbehandlungen sogar ohne Spritze gut ertragen kann.


1. Reizarme Manipulationen

Reizarm bohren
  • Neue Bohrer: Mit neuen Bohrern kann man sehr leichthändig und ohne Vibrationen arbeiten.
  • Stabiles Winkelstück: Lottert der Bohrer in der Bohrerfassung, so entstehen unangenehme Ausschläge.
  • Minimale Anpresskraft: Presst man den Bohrer nur mit 0-5 Gramm auf die Karies, ist fast nichts zu spüren.
  • Niedere Drehzahl: Beim langsamen Bohren entsteht nur langsam ein Schmerz, wenn das Gesunde kommt, und kann der Patient rechtzeitig warnen.
  • Trocken bohren: Nur beim schnellen, kräftigen Bohren wird der Zahn heiss und braucht es Kühlwasser.
  • Zweihändig bohren: Hält man den Bohrer mit beiden Händen, kann man ihn viel präziser führen als einhändig. Wer mit maximalem Feingefühl bohren will, muss die Gummihandschuhe ausziehen.
Abtupfen statt ausblasen am Ende des Exkavierens

Wenn die Karies entfernt ist und das Gesunde an der Oberfläche erscheint, ist der Zahn manchmal empfindlich auf kalte Luft. Statt in das ausgebohrte Loch hinein zu blasen, kann man es mit kleinen Wattekügelchen oder Microstick abtrocknen. Den Luftstrom der Motorkühlung kann man am Winkelstück abkleben. Und bei minimaler Drehzahl und Anpresskraft darf man ohne Wasser (keine Erhitzungsgefahr) exkavieren. Die trockenen Späne fliegen dann vom Wind des drehenden Rosenbohrers weg.

Reizarme Minimatrizen

Tiefe Löcher sind schwierig zu reparieren. Ein Grund besteht darin, dass am restlichen Zahn keine Matrizen befestigt werden können. Abhilfe schaffen Minimatrizen, die am Nachbarzahn angeklebt werden. Die Minimatrize hält ohne Keil, der das Zahnfleisch niederdrückt, und ohne Matrizenhalter, der es einklemmt.

Gute Erinnerung

Wird das Ende der Sitzung maximal reizarm durchgeführt, so entsteht bei der Patientin eine gute Erinnerung an die ganze Sitzung Auf die Länge der Sitzung kommt es weniger darauf an. Bis die Angst generell etwas abnimmt, braucht es mehrere gut gelungene Sitzungen. Die wissenschaftliche Grundlage des Effektes ist zum Beispiel im Buch "schnelles und langsames Denken" von Daniel Kahneman beschrieben.

Ende des Exkavierens ohne Anästhesie

24-jähriger Patient (05.04.2013 / 6236)

Das Dentin ist noch nicht ganz kratzfest und nicht kaltempfindlich.
Fertig exkaviert, aber manchmal ist nun das Dentin kaltempfindlich.
Reizarme Minimatrize

60-jährige Patientin (27.01.2016 / 2172)


2. Wohltuende Techniken

Rückzug und Ausweg

Wenn ein Patient (meist ein Kind) nicht ins Behandlungszimmer möchte und schon im Wartezimmer Angst vor dem Zahnarzt hat, dann ist es am einfachsten, wenn sich der Zahnarzt zurückzieht und gar nicht zeigt. Dann verschwindet die Angst sofort. In einem solchen Fall ist es besser, wenn eine Dentalassistentin mit dem Patienten spricht. Für manchen Angstpatienten ist sie sogar glaubwürdiger als ein Zahnarzt! Sie kann zum Beispiel zeigen, wie man einen Problemzahn mit einer Spezialzahnbürste so pflegt, dass er nicht mehr schmerzt. Sie kann auch für alle anderen Fragen und Befürchtungen Red und Antwort stehen (siehe Entwarnung)
Die Technik des Rückzuges basiert auf dem Prinzip "aus den Augen, aus dem Sinn"

Kaltes Stirntuch

Das kalte Stirntuch wirkt sofort und hat die wunderbare Wirkung, dass es beruhigt und die Angst dämpft. Wir benutzen es immer bei einer Spritze, wenn jemand Angst davor hat. Der Effekt wird von über 90% der Patienten als positiv wahrgenommen.
Wichtig: Aus Scham wollen die meisten Erwachsenen ihre Angst nicht wahrhaben. Nicht selten wehren sie das Stirntuch ab mit Worten im Sinne von: "Ist das gegen die Angst? Das brauche ich nicht, ich hab keine Angst". Die beste Antwort ist dann: "Nein, das ist nicht gegen die Angst, das ist nur für das Wohlgefühl." Die wissenschaftlichen Grundlagen des Effektes sind der human dive reflex (Puls und Blutdruck sinken ab, um Sauerstoff zu sparen) und die Kühlung des Gehirns (das bei Angst viel Zucker verbrennt).

Warme PET-Flasche für kalte und schweissige Hände

warme PET-Flasche

Die Wärme wirkt sofort, so dass ein angenehmes Gefühl entsteht. Kalte Hände (und Füsse) sind bekannte Zeichen der Angst. Noch gefährlichere Zeichen sind schweissige Hände (und feuchtes Gesicht, warm oder kalt). Sie deuten auf einen baldigen Kollaps. Die warme Flasche wird meistens mit beiden Händen ziemlich kräftig festgehalten. Die Handflächen vermitteln dem Bewusstseint das Gefühl der Wärme mit grosser Aufdringlichkeit. Daraus resultiert eine starke Ablenkung von den angstauslösenden Befürchtungen.

Frau Witzgall hat die warme Flasche bei ihren eigenen Kindern verwendet. Plötzlich ist ihr die Anwendbarkeit beim Zahnarzt in den Sinn gekommen, als ich bei einer Patientin ganz kalte Hände bemerkte.
Manche Angstpatienten (vor allem Männer) lehnen die warme Flasche zunächst ab mit einer Bemerkung wie "Wofür ist das? Das brauche ich nicht." Wenn man dann sagt, dass die Flasche zum Wellness-Programm der Praxis gehört, akzeptieren sie sie.
Interessant ist auch die Reaktion der Hände auf die Flasche. Manchmal sind anfangs nur die Fingerspitzen kalt. Mit einsetzender Entspannung verbreitet sich die Kälte auf die ganzen Finger und verschwindet erst eine Weile später.

Süssgetränk

Ein zuckerhaltiges Getränk verändert bei vielen ängstlichen Kindern (und auch bei einigen Erwachsenen) die Stimmung rasch und deutlich positiv.
Die wissenschaftliche Grundlage des Effektes ist der Blutzuckerspiegel, der bei Angst rasch absinkt.

Bequem Liegen

Einige Patienten fühlen sich sehr unwohl, wenn die Rückenlehne zu flach ist oder die Beine nicht genug hochgelagert sind. Wie können die Lagerung gut verändern und trotzdem gut (mit Spiegeln) im Mund arbeiten.

Einfache Bilder, intraorale Aufnahmen

Ein Bild sagt mehr als 1'000 Worte und lenkt deutlich vom Angstgefühl ab. Die meisten Angstpatienten sind sofort bereit, ihren Mund für eine Fotografie zu öffnen. Sie interessieren sich dann sehr für die Aufnahme, wenn sie gross am Bildschirm angezeigt und besprochen wird.
Die wissenschaftliche Grundlage des Effektes ist das optische Gehirn. Es ist sehr gross, arbeitet prioritär und ist bevorzugt mit dem Sprachhirn verbunden. Das Betrachten eines einfachen Bildes lenkt also die Aufmerksamkeit und Aktivität des Gehirns vom Angstzentrum ab und aktiviert bewusste Denkvorgänge.

Bequem Liegen
53-jährige Patientin (15.07.2015 / 111) Lagerung Soeben wird das kühle Stirntuch gewechselt. Für die Beine erhöhten wir den Fussteil des Patientenstuhles. Und der rechte Arm war rastlos, bis wir für ihn eine Auflage hinstellten.
Einfache Bilder
20-jährige Patientin (09.03.2017 / 6394) Einfache Bilder Der Patient kann mit ganz einfachen Bildern den Verlauf der Behandlung sehen, verstehen, und Fragen dazu stellen.

3. Bestärkende Worte

Entwarnung

Viele Angstpatienten halten relativ einfache Zahnschäden für eine grosse Gefahr. Zähne sind jedoch sehr stabile und ausserordentlich gut geschützte Organe. Schlimme medizinische Erkrankungen wegen schlechten Zähnen gibt es praktisch nie! Der Grund zur Fehleinschätzung sind zum Beispiel angsteinflössende Bilder von seltenen Krankheiten oder entsprechende Andeutungen von Zahnärzten. Bei der Entwarnung geht es darum, solche übertriebenen Befürchtungen zu diskutieren und korrekte Informationen zu erklären. Das kann auch eine Dentalassistentin am Telefon machen!

Atmung / Entspannung

Oft fällt uns auf, dass ein Patient schon zu Beginn der Behandlung ganz verkrampft den Mund öffnet, sein Atem stockt oder sich seine Hände verkrampfen. Dann machen wir ihn auf diese Dinge aufmerksam und helfen ihm, sich besser zu entspannen. Diese Verkrampfungen können sich im Laufe der Behandlung mehrmals wiederholen und erfordern dann eine Pause, damit der Patient sich wieder entspannen kann.

Arbeitspausen

Damit ein Patient wieder die Selbstkontrolle erlangt, muss er sich in einer Arbeitspause frei bewegen können. Dazu reicht ganz einfach ein Behandlungsunterbruch, bei dem sich der Patient zum Beispiel den Mund spülen kann. Damit ein Zahnarzt mehrere solche Pausen offerieren kann, muss er lernen, auch ohne fest im Munde installierte Hilfsmittel (wie Kofferdam) zu arbeiten. Und selbstverständlich muss er jeden Arbeitsschritt ziemlich schmerzfrei verrichten können. Die Arbeitspausen sind zudem eine ideale Gelegenheit für intraorale Aufnahmen, die man jeweils sofort mit dem Patienten bespricht.

Spiegel

Immer wieder loben Patienten einen Spiegel, in dem sie der Behandlung zuschauen können.

Frage(n) stellen

Die Selbstkontrolle erlangt man am deutlichsten genau in dem Moment, wo man sich eine Antwort zu einer Frage überlegt. Wir stellen dem Patienten (auch dem Kind) während einer Behandlung mehrere Male die Frage, wie es ihm geht. Auch die Pausen nützen wir zu einem kurzen Dialog. So sind wir sicher, dass der Patient normal denken kann und die Angst im Griff hat.

Sozialer Angstabbau
  • Kind mit Eltern
    Ein ängstliches Kind soll behandelt werden. Der Vater und/oder die Mutter begleiten es. Normalerweise geht die Angst von den Eltern aus, weil sie Schlimmes befürchten. Folgende Varianten der Mitarbeit sind möglich (je nach Bauchgefühl der Beteiligten):
    • Vater/Mutter sitzt auf dem Besucherbänkli im Behandlungszimmer. Das Kind darf zu ihnen gehen und das Loch im Zahn zeigen. Der Elternteil sieht, wie das Kind behandelt wird, wie es bewegt, wie es spricht, und verliert nach und nach selber die Angst.
    • Vater/Mutter steht neben dem Behandlungsstuhl und hält das Kind an der Hand, am Bein usw.
    • Vater/Mutter nimmt auf dem Stuhl der Dentalassistentin Platz und assistiert bei der Behandlung.
  • mit Freund/Freundin
    Ein Angstpatient kommt mit dem Freund oder der Freundin (oft auch einem Familienmitglied, welches übersetzen kann). Nun gibt es zwei Szenarien:
    • Der Patient getraut sich nicht ins Behandlungszimmer. Nun kann die Dentalassistentin dem Freund oder der Freundin zeigen, wie man diesen oder jenen Zahn besonders gut putzt, während der Patient zuschaut. Es gibt verschiedene Spezialzahnbürsten, mit denen man auch schwierige Orte putzen kann.
    • Der Patient kommt ins Behandlungszimmer, die Begleitperson sitzt auf dem Besucherbänkli und wartet einfach, hilft einen Entscheid zu fällen (zum Beispiel Extraktion oder noch warten) oder übersetzt wenn nötig.

Langsame Angstvorgänge

Diese Techniken benötigen Zeit zum Sprechen und Nachdenken. Der Patient muss unbehindert reden und sich frei bewegen können. Diese Technik ist weniger wirksam, wenn der Patient eine Sprache spricht, die wir nicht verstehen.

Beispiel Spiegel

Spiegel Der kleine Spiegel mitten in der OP-Lampe wird von manchen Patienten lobend erwähnt.

Beispiel Arbeitspausen

Man beginnt mit einem Arbeitsschritt von einer Sekunde Dauer. Die Assistentin zählt laut und langsam: "eins". Sobald sie "eins" gesagt hat, nimmt der Zahnarzt den Bohrer aus dem Mund und beginnt die Pause. Nun kann die Patientin spülen, aufsitzen, auf die Toilette gehen, und sich überlegen, wie lange der nächste Arbeitsschritt dauern soll. Typischerweise sagt sie zum Beispiel zwei, dann fünf, dann sechs, wieder fünf, usw.
Während die Assistentin "eins, zwei drei vier, fünf" vorsagt und absaugt, präpariert der Zahnarzt (schmerzlos, minimaler Druck) und konzentriert sich die Patientin auf das Zählen. So kann sie die Selbstkontrolle behalten.
Beim Wechsel von der Schmelzpräparation (hochtouriger Diamant) auf die Dentinpräparation (langsamtouriger Rosenbohrer) beginnt man wieder mit einer Sekunde.

Achtung: Vater/Mutter mit Kind

Ein ängstlicher Elternteil soll behandelt werden und bringt sein Kind mit, damit es sich an die Praxis gewöhnen kann. Es besteht der Verdacht, dass der Elternteil denkt, durch die Anwesenheit seines Kindes könne und müsse er mehr Mut zeigen.

Das Kind mitzubringen ist bei Angstpatienten keine gute Idee, weil das Kind merkt, dass sein Vater resp. seine Mutter Angst hat. Statt sich an die Praxis zu gewöhnen lernt das Kind, dass man in einer Praxis Angst hat.

Copyright © 2018 Icon W. Weilenmann
erstellt: 31.08.2017 - 08.09.2018