W. Weilenmann
Dr. med. dent.
Walter Weilenmann
eidg. dipl. Zahnarzt
dipl. Natw. ETH
Mitglied SSO, SSGS
und SSO-Zürich.

Die bimanuelle Haltetechnik

Wenn der Bohrer naht, verkrampfen sich viele Patienten. Sie liegen wie auf 1000 Nadeln und sind bereit, sofort aufzuspringen, wenn ein verdächtiges Geräusch oder eine bestimmte Bewegung im Mund zu einem Schmerz führen könnte. Wangen, Lippen und Zunge sind angespannt steif.

So erschweren sie das Bohren ohne es zu wollen und ohne es ändern zu können. Auch sehr grosse, kleine oder nasse Lippen, viel Speichel, ein sehr grosser oder kleiner Kopf oder Mund und eine sehr langer, kurzer oder mächtiger Körper erschweren das präzise Bohren.

Dagegen hilft nur eines: man muss vor dem Bohren die beste Sitzstellung, Handauflage und Lippenstütze suchen, so dass der Bohrer sehr sicher gefürt werden kann und keinesfalls ausschlägt oder abrutscht.
• Die beste Sitzstellung kann rechts oder links des Patienten oder hinter seinem Kopf sein.
• Als Handauflagen kommen die Stirn, Wange und das Kinn in Frage.
• Die Lippen am besten mit zwei oder drei Zellstofftupfern stützen und abhalten!


Problem Handschuh

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So sollte man nicht bohren!

Denn so beherrscht der Zahnarzt den Bohrer nicht "auf den Millimeter genau"!


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Schon besser: zwei Finger als Anschlag - fünf Finger halten

Beide Hände stützen sich je mit einem Finger auf den Zähnen ab.
Fünf Finger halten und führen das Winkelstück.
Alles perfekt, aber leider stört der Handschuh!

Der Bohrer verwickelt sich bei der geringsten Berührung mit dem Handschuh und schlägt aus.

Ausschlagen wegen Handschuh

Das Video zeigt, wie ein Rosenbohrer ISO 012 bei etwa 1'000 Umdrehungen pro Minute (also minimale Drehgeschwindigkeit) wegen dem Handschuh ausschlägt.

Das Ausschlagen muss beim reizarmen Arbeiten und weil es kein Patient möchte auf jeden Fall verhindert werden.

Bei höheren Drehzahlen wird das Ausschlagen noch heftiger und geht die Kontrolle über den Bohrer vollends verloren.


Bohren ohne Handschuh


Zur Sicherheit vor Ausschlägen

Die Gefahr des Ausschlagens steigt mit der Anpresskraft, Drehzahl und Unruhe beim Bohren.

Neue Bohrer erlauben die niederste Anpresskraft und Drehzahl, weil sie maximal scharf sind. Leider stumpfen sie rasch ab.

Gebrauchte Bohrer schlagen heftiger aus als neue, weil sie zur Entfernung der letzten, bereits halbharten Schicht der Karies höhere Kräfte erfordern.

Die Seitenfläche des Bohrers schneidet besser als die Stirnfläche. Bohrt man mit der Seitenfläche, so ist die Richtung der Ausschläge vorhersehbar: sie verläft parallel zur Drehrichtung des Bohrers. Um den Bohrer vermehrt seitlich anzusetzen, muss man die Fingerstellung häfiger verändern als sonst.

Die Stirnfläche des Bohrers erzeugt Ausschläge in alle Richtungen. Die Stirnfläche soll nur für kurze Momente und mit speziell guter Sicherung verwendet werden (siehe Beispiel 3. Quadrant)!

"STEPPEN": Am sichersten ist es, das Winkelstück bimanuell und absichtlich statisch, also ohne jede Wischbewegung, an einem Ort zu halten. Das Ziel ist es, nur an einem Ort zu bohren und im Prinzip nur eine runde Delle ohne Erweiterungen zu erzeugen. Um zum nächsten Ort zu gehen, stellt man den Bohrer ab und verschiebt ihn langsam und mithilfe der zweiten Hand. Mit dem stehenden Bohrer wird die neue Stelle zuerst betastet. So spürt man den subgingival gelegenen Kavitätenrand, ermittelt man evt. nochmals den Gegendruck der Lippe, kann man den Anpressdruck ausprobieren (besonders bei empfindlichem Dentin und in der Nähe der Pulpa soll er 0-5 Gramm betragen), verbessert man vielleicht die Stellung der Hände usw.

Die vier Bohrerzonen:
Bohrerzonen hellgrün: Schmelz, Diamantschleifer
grün, gelb, rot: Dentin, Rosenbohrer

1. hellgrün: wie grün, aber mit Diamantschleifer
2. grün: 50-200 g Anpresskraft, 3000-10000 U/m
3. gelb: 5-50 g Anpresskraft, 1000-3000 U/m
4. rot: 0-5 g Anpresskraft, 300-1000 U/m


1. Quadrant: starker Druck der Oberlippe

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Finger als Anschlag

73-jährige Patientin (22.10.2012 / 5405)

Wenn der Bohrer nur einmal nach oben ausschlägt, beginnt die Gingiva zu bluten und die Versorgung der Kavität wird viel schwieriger.

Die linke Hand übernimmt mehrere Funktionen:

  • Der linke Zeigfinger stoppt den Bohrer, so dass er nur einen Bruchteil eines Millimeters nach oben ausschlagen kann.
  • Der linke Mittelfinger stabilisiert die linke Hand so, dass sie den Bohrer auch in Richtung links und rechts führen kann.
  • Der rechte Mittelfinger sichert die Distanz zwischen dem Kopf des Winkelstücks und dem Nachbarzahn.

2. Quadrant: enger Wangenraum.

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Instrumentenkopf zwischen zwei Fingern

Hier muss der Bohrer besonders sicher geführt werden, weil ein enger Wangenraum besteht. Er könnte sonst abrutschen und die Gingiva verletzen. Der Kopf des Handstücks wird deswegen zwischen zwei Finger geklemmt.

Beachte die Nähe zwischen Bohrer und Finger. Bei einer kleinen Unachtsamkeit oder einer kleinen zusätzlichen Verspannung des Wangenmuskels würde der Handschuh um den Bohrer gewickelt mit unvorhersehbaren Folgen.


3. Quadrant: Stelle mit grosser "Abrutschgefahr"

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Zwei Finger als Anschlag

Die beiden Finger der linken Hand übernehmen praktisch die ganze Führung des Bohrers, während die rechte Hand nur noch das Winkelstück in Position hält. Auf diese Weise kann man das Feingefühl und die Präzision beim Bohren erheblich steigern!

Beachten Sie die trockene Zunge und den trockenen Bohrer.


4. Quadrant: kräftige Unterlippe

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Finger als Auflager

Wenn eine Lippe einen starken Tonus hat, glitschig oder voluminös ist, dann hält man sie am besten mit einem Zellstofftupfer ab. Wird der Zellstofftupfer nass, dann legt man nach innen versetzt einen zweiten (und mit der Zeit einen dritten) dar&uulm;ber. Auf dem haltenden Finger kann man den Bohrer auflegen, auch wenn er sich dreht. So bekommt er einen besseren Halt gegen das Ausschlagen.

Mit Handschuh wäre das nicht möglich, weil sich der Gummi um den Bohrer wickeln könnte.


Retentionsrille bei Zahnhalsfüllungen

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Das Problem der Zahnhalsfüllungen
(16.1.2014 - 6438)

Äussere Bilder: Dieser Zahn hat kürzlich eine neue Zahnhalsfüllung bekommen. Nun ist sie wieder herausgefallen. Warum? Weil der Zahnarzt offensichtlich keine Mikroretentionen hergestellt hat.

Innere Bilder: Die Mikroretention ist die feine Rille (schmaler als 1 mm!), welche nahe dem Füllungsrand entlang rundherum angebracht wird. Weil die Rille nicht mitten in der Kavität, sondern nahe am Rand gebohrt wird, schmerzt es kaum. Eine solche Mikroretention kann nur herstellen, wer mit einer Lupenbrille arbeitet und den Bohrer mit beiden Händen millimetergenau führen kann.

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erstellt: 27.11.2012 - 19.06.2018