W. Weilenmann
Dr. med. dent.
Walter Weilenmann
eidg. dipl. Zahnarzt
dipl. Natw. ETH
Mitglied SSO, SSGS
und SSO-Zürich.

Reizarme Zahnbehandlungen (Theorie)

Vor und während einer Zahnbehandlung können Abwehrreflexe, Angst und Mutlosigkeit entstehen. Auslöser sind die typischen zahnärztlichen Reize. Das Problem: viele Patienten und Zahnärzte unterdrücken Angst mit aller Entschiedenheit. Entsprechend selten wenden Zahnärzte angstmildernde Techniken an, und entsprechend subtil sind die folgenden Ratschläge, damit die Patienten keine peinlichen Gefühle bekommen.

Im Prinzip vermeidet eine reizarme Zahnbehandlung diese angstauslösenden Manipulationen und hilft dem Patienten mit bestimmten Techniken, das Zusammenspiel von Mut, Angst und Schmerz besser zu kontrollieren. Dadurch wird die Sitzung - auch ohne Spritze - gut erträglich.


Schmerz‚ Angst und Mut

Entstehung von Schmerz, Angst und Mut

Hirnstamm und Amygdala sind schon zu Beginn des Lebens voll ausgebildet und arbeiten ohne Unterbruch. Der Präfrontalkortex hingegen reift erst in der Adoleszenz und setzt aus, wenn ein Trauma angetriggert wird.

Trigeminus,Hirnstamm,Amygdala,Präfrontalcortex
1. Hirnstamm: Abwehrreflex

Die Schmerzrezeptoren der Zähne übertragen jeden Reiz (Druck, Kälte, Schmerz usw.) via Trigemus (V. Hirnnerv) über zwei Neuronen zum Hirnstamm. Er macht einen motorischen Abwehrreflex, unwillentlich und unbewusst (wie der Patellarsehnen- oder Pupillenreflex). Mit einer Lokalanästhesie kann man die Reizübertragung verhindern.

2. Amygdala: Angstreflex

Vom Hirnstamm läuft das Signal über weitere zwei Neuronen zur Amygdala. Sie bewertet es emotional (gut oder schlecht), speichert es im biographischen Langzeitgedächtnis (Hippocampus) und erzeugt Flucht, Kampf oder Angst. Letztere bewirkt eine motorische Unruhe (schlaflose Nacht), einen erhöhten Puls und Blutdruck, Stress, kalte Hände, heisse Stirn, und im Maximalfall Schweiss an Händen und Stirn, eine Ohnmachtsneigung und einen Totstellreflex. Im Hippocampus werden alle Komponenten der Episode gespeichert: das weisse T-Shirt des Zahnarztes, der Ort seiner Praxis, die Körperstellung im Behandlungsstuhl, der Geruch im Behandlungszimmer, der Ton des Bohrers, der Tonfall der Stimme der Mutter, als sie ihrem Kind sagte, es müsse jetzt zum Zahnarzt, usw. Wird während eines Totstellreflexes behandelt, so kann ein Trauma entstehen. Dabei wird jede Komponente zu einem selbständigen Trigger, der beim Erscheinen eines Reizes unwillkürlich Angst erzeugt (zum Beispiel, beim Anblick der Zahnarztpraxis von aussen).

3. Präfrontalcortex: bewusste Verarbeitung und Zuversicht

Der Hippocampus verteilt die Informationen über Tausende von Neuronen im ganzen Cortex. Dabei werden alle Details im visuellen, akustischen, olfaktorischen und sensorischen Cortex so gespeichert, dass man sich später bei Bedarf wieder daran erinnern kann. Das geschieht durch Verbindungen zum Bewusstsein im Präfrontalkortex. Von hier aus gibt es direkte Neuronen zur Amygdala hinunter, um ihre Aktivität zuversichtlich zu dämpfen (oder entmutigt zu fördern...).
Allerdings beginnt der Präfrontalcortex erst ab etwa 15 Jahren zu reifen. Erst dann wird man fähig, ein solches Ereignis sicher zu verarbeiten. Etwa 5-15% der Kinder entwickeln schon vorher ein Vermeidungsverhalten und wollen nie mehr zum Zahnarzt, egal was für Zahnschäden entstehen.

Gegensteuer

1. Hirnstamm

Es gilt, den Schmerzreiz zu verhinden. Das geht mit einer Anästhesie.
Es ist auch ohne Anästhesie möglich, denn bei präzisem Ausbohren der Karies entstehen keine oder nur wenige kurze, minimale Schmerzen.

2. Amygdala

Es gilt, die wichtigsten Trigger zu vermeiden:
- taktil: keine kraftvollen Vibrationen,
- akustisch: kein hochtouriges Bohren,
- respiratorisch: kein Wasser im Mund,
- usw.: je nach Patientenwunsch.

3. Präfrontalcortex

Es gilt, bewusstes Denken zu bestärken. Das geschieht automatisch in jeder Spülpause, wenn der Patient sich frei bewegen und sprechen darf. Während des Bohrens soll der Patient in einem Spiegel die Arbeit im Mund beobachten können (wenn er will) und auf jeden Fall stets achtsam bleiben und jeden kleinen, leichten Schmerz sofort melden. Oft muss man ihn dazu erinnern und dazu ermuntern.

Mängel des üblichen Angstabbaus

  • Das Tell-Show-Do vermeidet keine Trigger.
  • Handschuhe und Gesichtsmaske signalisieren "Achtung, Gefahr" wo eigentlich keine ist.
  • Die Handschuhe behindern präzises, druckloses, beidhändiges Führen des Bohrers.
  • Die Anästhesie verunmöglicht die Unterscheidung von totem und lebendem Dentin und fördert grobes Arbeiten.
  • Der Kofferdam verunmöglicht spülen, sprechen und sich frei bewegen.
  • Empfohlene Anpresskraft: 2-300 statt 0-5 Gramm
    Empfohlene Drehzahl: 40'000 statt 1'000 rpm

Reizarme Zahnbehandlung

Die folgenden Techniken machen die problematischen Aspekte der Zahnbehandlungen erträglich.

1. Reizarme Manipulationen 2. Wohltuende Techniken 3. Bestärkende Worte
Neue Bohrer Rückzug und AuswegEntwarnung
Neuwertiges Winkelstück  Atmung/Entspannung
Minimale AnpresskraftKaltes Stirntuch  
Niedere Drehzahl Warme PET-Flasche bei kalten HändenArbeitspausen
Trocken bohren Süssgetränk Frage(n) stellen
Zweihändig bohrenBequem Liegen  
Minimatrizen   im Spiegel beobachten
Abtupfen statt ausblasenEinfaches Bild Sozialer Angstabbau
Gute Erinnerung    

Einige Techniken werden bei allen Patienten, andere nur bei Bedarf angewendet.

Wie diese Techniken entstanden

Die ersten Schritte hat mir Frau Hanna Bernd-Egli 2004 beigebracht. Sie beantwortete mir zuerst mehrere Monate lang viele Fragen zum Angstabbau, die ich ihr per Email stellte. Dabei lernte ich, dass Psychotherapeutinnen sehr viel mit Techniken arbeiten, bewusst und geplant vorgehen und nicht nur alles "nach Gefühl" machen. Dann kam sie in die Praxis und begleitete mich (mit einer Kamera in der Hand) durch einige Behandlungen. Sie hat mir die Logik hinter den Techniken des Angstabbaus erklärt und mir die Skepsis genommen, dass Angstabbau überhaupt funktioniert. Wir nannten unser Prinzip "Painlessly Do While Comforting (PDWC)".


Reizarme Anästhesie

2Spritze.jpg
Wo sind die Nerven? Die hellen Felder sind umrandet von roten Linien. Die roten Linien sind Nerv-Gefäss-Bündel, markieren also sowohl die Lage Blutgefässe als auch der Nerven. In den hellen Feldern hat es keine Nerven.

Reizarme Spritze

  • Man sticht zuerst nur 1-2 mm tief in ein helles Feld, injiziert ganz wenig und verharrt einen Moment.
  • Dann dringt man langsam tiefer ein, stets zurückhaltend weiter injizierend, bis das Depot, dem Patienten entsprechend, genügend gross ist.
  • Dann wartet man, bis die Wirkung eintritt und macht einen vorsichtigen Test.
  • Wirkt die Spritze zuwenig, wiederholt man die Injektion 1-2 cm nebendran oder wendet eine intraligamentäre Technik an.

Achtung: Gesichtschirurgen injizieren am narkotisierten Patienten rasch und reichlich. Auch in der Polyklinik anästhesiert man nicht zimperlich. Oft entsteht der Eindruck von Zeitmangel. Beides sind schlechte Vorbilder für jemand, der ein beliebter Familienzahnarzt mit eigener Praxis werden möchte.

Zur Mandibularanästhesie siehe hier


Reizarmes Bohren

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1. Neue Bohrer

Neue Rosenbohrer haben auf den Schneidekanten viele kleine Brauen (im Bild rechts). Diese Brauen bewirken eine hohe Schneidleistung. Sie werden aber rasch geglättet und abgerundet (im Bild links). Reizarm Bohren heisst deshalb, bei jedem Zahn einen neuen Rosenbohrer verwenden. Nur so kann man das kariöse Dentin mit der kleinstmöglichen Anpresskraft entfernen.
Mit kleineren Bohrerdurchmessern kann man die Anpresskraft zusätzlich vermindern.

links: einmal gebrauchter Rosenbohrer

rechts: neuer Rosenbohrer (Durchmesser = 2 mm)



Erklärungen anzeigen

Altes Winkelstück mit viel Spiel
Neues Winkelstück ohne Spiel

2. Neues Winkelstück

Reizarm bohren bedeutet auch, das Winkelstück hie und da zu erneuern. Es leiert mit der Zeit aus, so dass zusätzliche Vibrationen und Ausschläge entstehen, was in den beiden Filmen sichtbar ist.


Wikipedia empfiehlt beim Exkavieren 1'000 bis 1'500 rpm.

BUSCH hat einen Spezialbohrer für langsames Bohren bei Geschwindigkeiten von 500 - 2'950 r.p.m.:

  • ISO 027 = 500 - 1.000 (grösster Spezialbohrer)
  • ISO 023 = 500 - 1.100
  • ISO 021 = 500 - 1.300
  • ISO 018 = 550 - 1.650
  • ISO 016 = 750 - 2.050
  • ISO 014 = 1.000 - 2.500
  • ISO 012 = 1.250 - 2.800
  • ISO 010 = 1.400 - 2.950 (kleinster Spezialbohrer)

Hager und Meisinger empfehlen mit normalen Rosenbohrern eine Geschwindigkeit von 4 m/s = 70'000 rpm bei ISO 010. Als Anpreßkraft gilt max. 5N (= 500g!).

Fazit:

Diese Werte sind für reizarmes Bohren zu hoch. Statt 500 Gramm genügen 0-5 Gramm Anpresskraft, und statt 1'000 bis 2'000 rpm nur 500-1'000 rpm.

Extreme Angstpatienten und Milchzähne bei Kindern

Bei ihnen erweist sich regelmässig, dass unter der butterweichen Karies sofort hartes, empfindliches Dentin erscheint. Deshalb sind nur 250 rpm (grünes Winkelstück) bei 0-5 Gramm Anpresskraft zu empfehlen.

Biofilm, Dentin oder Essgewohnheit?

Der plötzliche Übergang zwischen weichem und hartem Dentin ist mit einer überreifen Aprikose vergleichbar, der allmähliche Übergang mit einem angetrockneten Essensrest auf einem Teller. Zur Exkavation der ersten, seltenen Kariesform ist nur wenig Kraft notwendig, bei der zweiten normalen Form braucht es hingegen ein kraftvolles, mehrmaliges Reiben, bis das gesunde, harte Dentin erscheint. Sind es die Biofilme, die Abwehrleistungen des Dentins oder die Essgewohnheiten, welche zu diesen verschiedenen Kariesformen führen?

3. Niedere Drehzahl

Nur diese vier Grössen sind nötig:

Bohrer
rpmGrösseHändeKaries
24'0000231wie nasses Brot
2'500 0181wie Käse, klebt am Bohrer
900 0122trockene Späne, zuletzt fein wie Mehl
500 0062Retentionsrille im harten Dentin

Die Geschwindigkeiten variieren bis um etwa 50% je nach Schwierigkeit, Stellung, Einsehbarkeit, Grösse der Karies usw.


Starker Reiz bei hoher Drehzahl
Weniger Reiz bei mittlerer Drehzahl
Reizarm bei langsamer Drehzahl

4. Wenig Vibrationen und Lärm

In den Filmen hört man die starken Vibrationen und das laute Geräusch beim schnellen Bohren und die milden Vibrationen und das leise Brummen beim langsamen Bohren (Rosenbohrer ISO 012).

links: hohe Drehzahl (25'550 rpm)
Starke Vibrationen auf hartem Dentin, keine auf weicher Karies.

Mitte: mittlere Drehzahl (10'000 rpm)
Mittlere Vibrationen auf hartem Dentin, keine auf lederhartem, einstechbarem Dentin.

rechts: langsame Drehzahl (500 rpm)
Keine Vibrationen auf fast hartem und hartem Dentin bei kleiner Anpresskraft. Die Späne sind nun trocken und werden zuletzt von der Kühlluft des Bohrers weggeblasen. Erst jetzt kommt das "lebendige" Dentin an die Oberfläche, und kann ein erster, minimer Schmerz entstehen. Der Patient hat wegen der langsamen Drehzahl genug Zeit, diesen Moment von Stelle zu Stelle immer wieder zu melden.


40TrockenBohren.jpg

5. Trocken bohren

Die Winkelstücke werden durch einen Luftstrom gekühlt, den man nicht ausschalten kann (Motorkühlung). Deshalb strömt beim Bohren immer Luft vorne beim Bohrer aus dem Winkelstück heraus und bläst direkt in die Kavität. Diese Luft verursacht gegen das Ende der Exkavation hin einen starken Schmerz.

Zur Ablenkung des Luftstroms wird vorne am Winkelstück ein Klebestreifen angebracht. Er wird vorgängig in der Mitte mit der Kofferdam-Lochzange perforiert, damit er über den Bohrer passt. Das Bild zeigt, dass der Luftstrom nun die trockenen Späne nicht mehr wegbläst. Entsprechend verschwindet der Schmerz sofort, wenn man den Kleber anbringt.

Bei niederer Anpresskraft und Drehzahl bleibt das Winkelstück kalt. Folglich braucht es weder eine Luft- noch eine Wasserkühlung. Auch das Dentin wird nicht erhitzt. Auf den histologischen Präparaten sind nach reizarmer Exkavation keinerlei Schäden zu sehen (vergleiche hier). Im Gegensatz dazu entstehen beim hochtourigen Präparieren mit Diamant trotz Wasserspray massive Schäden bei den Odontoblasten (vergleiche hier).


− Beispiele zum reizarmen Bohren

53Exkavieren.jpg
Das weisse Dentin ist weg und man sieht das gesunde Dentin. Wenn man es anbohrt, schmerzt es sehr. Dieses Loch wurde ohne Anästhesie bis genau ans Gesunde und nicht weiter ausgebohrt. Dank der Präzision hat die junge Patientin fast keine Schmerzen gespürt. Sie würde wieder ohne Spritze bohren lassen.

Exkavation Schmelz

21-jährige Patientin (30.08.2012 / 1336)
  • Schmelz schmerzt nie.
  • Weiches Dentin schmerzt nie, denn die bakteriellen Säuren haben die Odontoblastenfortsätze längst osmotisch zerstört.
  • Kreidefleck: er markiert die Karies. Das Ende des Kreideflecks markiert den Beginn des gesunden Dentins.
  • Hartes Dentin hat eine maximale Adhäsion - man muss nicht weiter bohren!
  • Schmerzendes Dentin ist gesund - man muss nicht weiter bohren!
  • Über der Pulpa ist die Drehzahl unter 1000 rpm und die Anpresskraft = 0-5 Gramm.
  • Nur ohne Anästhesie kann man den präzisen Zusammenhang zwischen Schmerzen und gesundem Dentin entdecken.

Reizarme Dentin-Exkavation

Exkavation Dentin

54-jährige Patientin (13.05.2013 / 81)

In diesem Beispiel ist das Dentin (wegen der vorherigen Amalgamfüllung) dunkel verfärbt. Die dunkle Farbe ist quecksilberhaltig und enthält keine lebenden Zellen (auch keine Bakterien). Solches Dentin enthält kein Leben und ist deshalb nicht schmerzhaft. Damit auch alle anderen Reize (Vibrationen, Geräusche usw.) schwach ausfallen, wird auch in einem solchen Fall nur mit leichter Hand gebohrt.

  • Der Rosenbohrer dreht sich langsam (unter 1000 rpm)
  • Im Zentrum der Karies wird leichthändig gebohrt (0-5 Gramm Anpresskraft)
  • Es wird ohne Wasser exkaviert
  • Es muss nur wenig abgesaugt werden
  • Es braucht keine Anästhesie

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Exkavation ohne Spritze

29-jähriger Patient (19.03.2014 / 3589)

links: Das Röntgenbild zeigt eine Karies.
rechts: Von aussen sieht man fast nichts!

Zur Erinnerung:
Schmelzpäparation
1. Karies eröffnen

links: Die Eröffnung ist sicher schmerzfrei. Oft bricht der Schmelz über der Karies von selber ein - und ganz ohne Schmerzen ist das Loch plötzlich da!

Mitte: Das Loch wird vergrössert bis zum Kreidefleck. Kreidefleicken reichen bis an die Oberfläche des Zahnes und sind oft von aussen gut sichtbar.

rechts: Der Kreidefleck wird dünner, langsam kommt das gesunde Dentin. Daneben ist die Karies so weich wie nasses Brot. Diese Karies könnte man von Hand auslöffeln.


2. Rand des Kreidefleckes suchen

links: Der Kreidefleck ist nur noch dünn. Dank dem Kontrast zum braunen Dentin ist er gut sichtbar.

rechts: Der Kreidefleck verschwindet allmählich. Jetzt geht es immer noch etwa 1 mm bis zum gesunden Dentin.

Instruktion des Patienten: Ab jetzt muss der Patient das Gefühl im Zahn genau beachten und anzeigen. Das braucht Erklärungen. Besser als Handsignale sind die Signale des Gesichts. Sie entstehen sowieso, sind unwillkürlich und sehr rasch. Die Dentalassistentin sagt dem Zahnarzt sofort, wenn sich die Mimik verändert. So kann der Patient den Bohrer haargenau steuern, sodass er nur bis ans Gesunde herankommt und nicht ins Gesunde hineinbohrt.


3. Bis zur Schmerzgrenze exkavieren

links: Die Karies war feucht und klebrig und ist in dieser Tiefe hellbraun und halbhart. Beim Bohren entsteht ein trockener Staub.

rechts: Das gesunde Dentin ist erreicht. Es ist hart, und beim Bohren schmerzt es ein wenig. Bis jetzt hat es etwa fünf mal leicht geschmerzt. Der Schmerz ist etwa so wie bei einer Tätowierung an einer gut erträglichen Stelle. Tätowierungen an der Brust seien viel schmerzhafter!

N.B.: Es gibt auch unverfärbt weisse Karies. Sie ist sieht aus wie gesundes Dentin. Man muss wiederholt mit der Sonde testen, wie hart die Zahnsubstanz ist. Und immer stelle ich fest: sobald der Patient etwas spürt, ist das Dentin hart wie Glas! Unter der weissen Karies hat es manchmal keine halbharte Zone, sondern es kommt sofort schmerzhaftes Dentin. Diese Fälle brauchen ohne Anästhesie eine besonders hohe Sorgfalt. Meine Vermutung: hier entstehen bei normalem Exkavieren unabsichtlich die schmerzhaftesten Behandlungen.


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Die erste Füllung - ohne Spritze

30-jähriger Patient (22.11.2012 / 6167)

1 (08:38 Uhr): Das kleine Loch stört seit Wochen beim Kauen.
2 (08:48 Uhr): Die Karies ist grösser als gedacht. Sie war im Zentrum weich wie nasses Brot.
3 (09:12 Uhr): Das Dentin ist braun und halbhart. Es wird trocken und Punkt für Punkt bis zum ersten, feinen Schmerzgefühl exkaviert.
4 (09:17 Uhr): Fertig exkaviert. Das Dentin ist hart für eine spitzige Sonde.
5 (09:45 Uhr): Die fertige Füllung.

Reizarmes Kleben

Adhäsiv: Wegen der Kaltempfindlichkeit wurde nie ein Luftbläser verwendet, sondern das Wasser mit Wattepellets weggetupft. Syntac-Primer, Syntac-Adhesiv und Heliobond wurden mit kleinen Tropfen eingeführt und dann mit Schaumstoff-Pellets wieder aufgesogen und entfernt.

Komposit: die erste Portion Tetric hat etwas weniger gut gehaftet als nach Ausblasen mit Luft. Nach einigen zusätzlichen Stopfbewegungen war die Haftung jedoch gut.


Reizarme Matrizen

71Matrize2172.jpg

Dieses Loch war versteckt zwischen den Zähnen, von aussen nicht sichtbar. Es wuchs tief unter der Papille, und die Papille ist tief in das Loch hineingewachsen. Statt die Papille wegzuschneiden, wurde sie hier mit der Minimatrize weggehalten. So konnte das Loch ganz einfach ohne einen Tropfen Blut und ohne Spritze gefüllt werden, obwohl es am Anfang schwierig ausgesehen hat.

Minimatrize

Keile und Matrizen können das Zahnfleisch sehr schmerzhaft quetschen. Das kann man mit Minimatrizen vermeiden. Sie werden mit etwas Komposit (ohne Adhäsiv) am Nachbarzahn befestigt.

60-jährige Patientin (27.01.2016 / 2172)

Matrize schneiden (weitere Beispiele von Minimatrizen)

Reizverminderung durch Pausen

9Pausen.jpg

Arbeitspausen

Eine der wichtigsten Ursachen der Angst sind die Befürchtungen des Patienten, die immer wieder entstehen. Die beste Abhilfe sind häufige Arbeitspausen, in denen der Patient aufsitzen, evt. spülen und sprechen kann. So kann er sich erholen und Mut für den nächsten Arbeitsschritt schöpfen.

Reizarme Extraktionen

Extraktion Schema

Der Zahn wird durch kippende und gleichzeitig drehende Bewegungen gelockert, bis er praktisch ohne Zug der Alveole entnommen werden kann.

Reizarme Zangenextraktion

- schwarzes Oval = Alveole
- rotes Oval = Zahn

1: Ausgangslage: Zahn mittig in der Alveole
2: Kippung nach oral
3, 4: Kippung beibehalten und abwechselnd nach rechts und links rotieren
5: Kippung nach bukkal
6, 7: Kippung beibehalten und abwechselnd nach rechts und links rotieren.

Nun mehrmals 2 - 7 wiederholen. Immer wo der Zahn am leichtesten beweglich ist, da ist die beste Ausgangslage für die nächsten Kippungen und Rotationen.

Die Kippung dehnt die Desmodontalfasern. Die zusätzliche Rotation überstrecken die vorgedehnten Fasern. Sie reissen, und es dringt langsam etwas Blut in den Desmodontalspalt hinein. Das Blut soll koagulieren und eine zähe Masse werden, welche bei den Kippungen und Rotationen den Druck auf die Desmodontalfasern weiter erhöht.


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Reizarme chirurgische Extraktion

21-jähriger Patient (23.05.2012 / 4238)

In diesem Fall hat zuerst ein chirurgisch tätiger Kollege an einem zahnärztlichen Institut eine Kostenschätzung für einen grösseren Eingriff (Lappenoperation mit Knochenchirurgie) erstellt. Der Patient hatte jedoch zu viel Angst davor.

Auch meine Extraktion war nicht einfach. Sie dauerte 2 Stunden. Es gab jedoch keine Komplikationen, keine Schwellung, es brauchte keine Naht und keine stundenlangen kalten Kompressen. Der Patient hatte schon am Morgen danach keine Schmerzen mehr und war sofort wieder arbeitsfähig.

1: Der Weisheitszahn hat abgebogene Wurzeln.
2: Die Krone ist nur wenig durchgebrochen und der Zahn verursacht immer wieder ein Druckgefühl.
3: Nach Entfernung der Zahnkrone. Links ist der kleine Entlastungsschnitt sichtbar.
4: Eine Woche später ist das Loch noch 5 Millimeter gross. In der Tiefe sieht man neues Zahnfleisch.

Minimalinvasive Eingriffe erregen viel weniger Emotionen, weil die Wunde im Zahnfleisch und im Knochen klein bleibt. Keine Aufklappung, keine Naht, keine Blutung. Entsprechend wenig schrumpft die Gingiva distal von 7-.


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1       2      3         4    

Höckerentfernung statt Ostektomie

38-jährige Patientin (03.05.2013 / 3730)

1: Eine Knochennase blockiert den 8-.
2: Geplante Entfernung des Höckers.
3: Bewegungsfreiheit nach Höckerentfernung.
4: 2½ Tage später: nur eine kleine Schwellung, schmerzfrei nach einer Kapsel Ponstan 250, Essen ging immer normal, kein Fieber, warme Umschläge tun gut. Der Knochen ist überall mit Granulationen bedeckt.

Sobald der Zahn etwa 3 Millimeter gehoben werden kann, entstehen neue Freiheiten zum Drehen und Kippen, was eine Extraktion mit Zange und Hebeln ohne Aufklappung und Ostektomie erlaubt.

Copyright © 2018 Icon W. Weilenmann
erstellt: 24.08.2011 - 19.05.2018