Im Frühling 2026 wurde ich gebeten, einen Vortrag für die Prophylaxe-Assistentinnen des SVPA zum Thema „Keine Zahnschmerzen in der fortgeschrittenen Demenz“ zu halten. Insbesondere möchten sie wissen, ob ein dementer Mensch die Zahnschmerzen gleich früh bemerkt wie ein gesunder Mensch, wie sinnvoll eine Zahnbehandlung bei ihm ist und was ausserdem noch möglich ist. Weil ich im Demenzheim Sonnweid zwanzig Jahre lang kein einziges Mal einen zahnärztlichen Notfall behandeln musste oder bei den Patienten trotz ihren schlechten Zähnen eine Schwellung im Mund gesehen habe, schrieb ich 2010 ein entsprechendes Informationsblatt in der Zeitschrift PARTIcipation.
Bei der Vorbereitung dieses Vortrages ist mir aufgefallen, dass man heute dank ChatGPT jeder das weltweite Wissen zur Demenz sofort und bequem zuhause konsultieren kann. Allerdings finden sich eigentlich keine weiteren konkreten Beispiele zu Zahnbehandlungen bei fortgeschrittener Demenz (Handout zum Vortrag). Die beiden Bilder zur Appetitlosigkeit und zum Bewegungsdrang wurden mit ChatGPT erstellt.
Aus dem Demenzheim Sonnweid von
Michael Schmieder:
Die Alzheimer Forschung erwähnt diese Mittel als die besten gegen Demenz:
Die medizischen Gründe der hohen japanischen Lebenserwartung sind unter anderem:
Der kulturelle Grund der niedrigen Demenzrate in Japan ist das Ikigai. Ikigai bedeutet "Lebenssinn" oder "wofür es sich zu leben lohnt" und verändert seine konkreten Umstände im Laufe der Lebensphasen und Zeiten. Das Ziel ist, zugleich gesund und glücklich zu sein.
In jedem Alter kann man das Gehirn trainieren. Wenn man eine neue Sprache oder ein Musikinstrument übt, neue Aufgaben anpackt oder etwas Neues und nicht nur Routinearbeiten macht.
Die fünf Prinzipien des Ikigai gemäss Ken Mogi:
| Schweiz | Deutschland | Italien | Japan | global | |
|---|---|---|---|---|---|
| Einwohner | 8 Mio. | 80 Mio. | 59 Mio. | 122 Mio. | 8300 Mio. |
| Lebenserwartung (M-F) | 84 ± 2 | 80 ± 2 | 83 ± 2 | 85 ± 3 | 74 ± 2 |
| Durchschn. Alter > 65 | 74.5 | 75.5 | 76 | 77.5 | 74 |
| Anzahl > 65 | 1.6 Mio. 20% | 19.2 Mio. 24% | 14 Mio. 25% | 40 Mio. 30% | 830 Mio. 10% |
| davon erwerbstätig | 192'000 12% | 2.5 Mio. 13% | 1.4 Mio. 10% | 10.1 Mio. 25.2% | 56 Mio. 6% |
| davon dement | 160'000 10% | 1.8 Mio 9% | 1.5 Mio. 11% | 6 Mio. 15% |
56 Mio. 6% |
Es gibt noch kein Mittel gegen Demenz. Deshalb nimmt das Demenzrisiko laufend zu. Weil Frauen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer, sind sie mehr betroffen. Je nach der Lebensweise ist das Demenzrisiko verschieden gross.
Japan hat die höchste Lebenserwartung (85 ± 3 Jahre) und deshalb am meisten Demenzkranke. Aber Japans Prävalenz der 85-Jährigen (15% ★) ist die kleinste. Sie liegt 5% unter der globalen (20% ★).
Früher sprach man einfach von "Altersvergesslichkeit". Und heute gibt über 100 verschiedene Diagnosen, die mit Demenz und ihren Mischformen gestellt werden. Bei den meisten überwiegt die nervliche Degeneration im limbischen Cortex, weswegen viele Erinnerungen verloren gehen. Und viele sind eher Störungen der Blutversorgung im Grosshirn, die das Denken und Entscheiden beeinträchtigen.
![]() |
Demenz beginnt bei 10-20% der über 60-Jährigen, manchmal auch erst mit 90 Jahren. Etwa 30% aller 90-Jährigen haben eine Demenz. |
![]() |
Chronischer Stress, Depression, Bewegungsmangel, wenig Denken, soziale Isolation, schlechte Ernährung, Bluthochdruck, Diabetes, Hörverlust, schlechter Schlaf. Diese Risikofaktoren wirken schon 20 Jahre vor dem Ausbruch der Demenz. |
![]() |
Die Amyloid-β-Oligomere der Membranproteine lagern sich in den Synapsen an und entzünden die Mikroglia des Immunsystems, und deren Tau-Proteine hyperphosphorylieren die intrazellulären Fibrillen, dies alles meistens zuerst im Hippocampus. |
![]() |
Neuronen und Synapsen degenerieren und verfetten wegen Amyloid-β, TAU-Proteinen, LEWY-Körperchen und Mikroblutungen. |
![]() |
Eine Insulinresistenz im Gehirn hemmt den Zuckerabbau. |
![]() |
Die chronische Entzündung der Mikroglia verursachen eine Neuroinflammation und Neuronenschäden. |
![]() |
Bluthochdruck und Mikroinfarkte verschlechtern die Durchblutung. |
![]() |
Familiäre Häufung z.B. bei frontotemporaler Demenz. |
![]() |
Im Gehirn von dementen Patienten wurde neuerdings das Mundbakterium Porphyromonas gingivalis gefunden (Mark I. Ryder: The Link Between Periodontitis and Alzheimer's Desease). |
Das Erste, was nach der Geburt funktionieren muss, ist das Kausystem, und die Hände und Füsse sind noch nicht entwickelt. Zuerst kann das Neugeborene saugen und schreien, ab dem 3. Monat lächeln, ab dem 7. Monat Löffelnahrung einnehmen. Und erst wenn die Milchzähne kommen lernt es kauen. Bei der Demenz gehen diese Fähigkeiten in vielen Fällen in umgekehrter Reihenfolge verloren.
⒈ Afferenz: Die Augen, Ohren, Propriozeptoren der Sehnen, Zahnwurzeln, Geschmacksknospen der Zunge usw. senden beständig Signale zum limbischen Cortex. Sie werden im Hippocampus gespeichert.
⒉ Bewertung: Die Amygdala entscheidet sofort je nach den Erinnerungen des Hippocampus, ob etwas sicher oder gefährlich, angenehm oder unangenehm ist und erzeugt entsprechende Gefühle (Hormongemisch) einer Freude oder Angst, einer Aggression oder eines Schmerzes.
⒊ Efferenz: Der limbische Cortex ist direkt mit dem Kausystem verbunden. Kaumuskeln, Zunge und die mimische Muskulatur bewegen sich permanent und unwillkürlich beim Saugen, Lächeln, Kauen, Knirschen und Bruxismus, Blinzeln, Grimassieren, Ekel usw.
Das Gehirn ist eine Vorhersagemaschine mit einer prädiktiven Kodierung.
Die Erinnerungen sind auch Erwartungen und Intuitionen und sagen blitzschnell
voraus, wie etwas wird, ohne dass man überlegen muss:
Das Schmerzgedächtnis löst Abwehrreaktionen vor einer Verletzung aus.
Es lernt die Vorhersagen nach wiederholten ähnlichen körperlichen Verletzungen (beim Zahnarzt)
oder bei einer chronisch schmerzhaften Entzündung (arthritische Polymyalgie, Reizdarmsyndrom).
Schmerz entsteht also nicht nur bei einer Verletzung des Körpers, sondern auch bevor eine Verletzung passiert.
Die Wehleidigkeit ist unterschiedlich gross und genetisch vererbt.
Je nachdem wirkt eine Anästhesie oder ein Opiat mehr oder weniger schnell und stark, so bei einzelnen rothaarigen
oder hochsensiblen Personen.
Die Zahl der Neuronen beträgt bei der Geburt ca. 100 Milliarden. Ab 65 bis 80 Jahren nimmt sie um 15-30% ab. Bei einer gesunden Lebensweise nimmt dabei die Zahl der Gliazellen zu und wird die Isolation der Neuronen verbessert. Auf diese Weise kann das Grosshirn die emotionalen Überreaktionen besser regulieren zum Schutz vor Bluthochdruck, Burn-out, Reizdarmsyndrom, Panik, Verkrampfungen, Bruxismus usw.
Wegen neurodegenerativen und fibrotischen Alterungsprozessen nehmen im Gehirn die Neurotransmitter und die Zahl der Synapsen ab. Dadurch werden die Reaktionen langsamer, nimmt die sensorische Empfindlichkeit ab (zum Beispiel im Gehör) und werden auch die Emotionen etwas gedämpft. Deshalb sind ältere Menschen oft zufriedener als junge.
Der Bruxismus ist eine limbische Verkrampfung des Kausystems bei etwa 30% der Menschen. Er ist stressbedingt und erzeugt Zahnschmerzen, weshalb die Betroffenen einen Zahnarzttermin abmachen. Dabei werden die überlasteten Zähne eingeschliffen, also um einen minimalen Betrag verkleinert, so dass sie weniger belastet werden. Der Schmerz wird dann wegen der Minderbelastung kleiner.
Frauen bruxen mehr als Männer, und ab 60 nehmen bei beiden die Einschleif-Termine stetig ab.
Die Zahnnerven altern wegen der Obliteration schneller als alle anderen Nerven. Sie bilden sich zurück und spüren häufig schon mit 80 Jahren kalt und warm nicht mehr und auch keinen Schmerz bei Karies und beim Bohren.

Medikamente haben eine beabsichtigte chemische Wirkung. Aber sie stimulieren den Cortex nicht und bewirken keinen Lerneffekt. Zudem verändert die Demenz den Stoffwechsel im Gehirn. Deshalb verursachen Medikamente bei Dementen oft unerwartete Nebenwirkungen wie starke Angst und Muskelverkrampfungen.
Eine typische Polypharmazie entsteht, wenn man wegen Schmerzen Opiate einnimmt und diese eine Verstopfung verursachen. Deshalb braucht man noch ein Abführmittel. Aber die Wirkungen und Nebenwirkungen dieser Medikamente sind wegen den dementiellen Veränderungen im Gehirn individuell und sehr verschieden.
2015 hat ein Ärzteteam die Pflege der Sonnweid übernommen. Sofort wurden etliche moderne Medikamente eingeführt. Keines kann die Demenz heilen, und sie dienen meistens der Beruhigung der Bewohner. Hier ein Beispiel:
Die Tochter der Patientin hat sich die Mühe gemacht, die Namen der 17 Medikamtente aufzuschreiben, die ihre Mutter jeden Tag bekommt.
Dies ist die Seite 5 von 5 der Liste der Dauermedikamente der Patientin. Die Liste wurde anlässlich einer Zahnbehandlung aus dem elektronischen Patientendossier für den Zahnarzt ausgedruckt. Aber niemand kann die Nebenwirkungen durchschauen und verstehen, weil die biochemischen und strukturelleln Veränderungen im Gehirn je nach Ursache und Stadium unsichtbar und sehr verschieden sind.
Die Demenz hat vier Hauptformen und wird in drei Stadien unterteilt.
Die Stadien können mit dem Uhrentest ganz grob und dem Mini-Mental-Status-Test
sehr genau bestimmt werden.
Bei jeder Form entstehen typische und untypische Krankheitszeichen. Man kann etwa 50 Demenzformen unterscheiden, dazu kommen
noch Mischformen, Zwischenstadien, und sehr langsame und sehr schnelle Abläufe der Krankheit. Das Verhalten der Betroffenen
ist von Stunde zu Stunde unvorhersehbar und chaotisch.

Störung des Kurzzeitgedächtnisses, Probleme beim Lernen und Benennen von Gegenständen, Zeit und Ort. Die Pflege ist relativ einfach.
Plötzlicher Beginn. Oft Lähmung von Arm oder Bein, erschwerte Orientierung, Denken, Erinnern, Sprechen und/oder Sehen sind betroffen, auch mit Schwindel oder Inkontinenz.
Phasen mit visuellen Halluzinationen und Bewegungslosigkeit, Unaufmerksamkeit, wenig Leistungsfähigkeit und Zerstreutheit.
Das Gedächtnis bleibt anfangs intakt, aber es verschwinden die Vernunft, Anstand und Kooperation. Die Sprache wird laut, taktlos und zuletzt unverständlich. Ratlosigkeit oder Impulsivität, Reizbarkeit oder Aggression nehmen zu. Die Pflege ist schwierig, weshalb Beruhigungsmittel eingesetzt werden.
Meistens ist Alzheimer mit kleinen Schlaganfällen oder Lewy-Körperchen kombiniert.
Die Betroffenen sind noch selbständig und arbeitsfähig, aber eine gewisse Vergesslichkeit nimmt zu
und sie können sich nicht mehr lange konzentrieren. In einem Gespräch mit alten Bekannten fällt nichts auf,
aber bei aktuellen Themen oder bei fremden Gesprächspartnern fallen Wissenslücken und Ratlosigkeit auf.
Mit der Zeit vergessen sie, wie man den PC oder Fernseher bedient und dass es diese Geräte gibt.
Sie verwechseln nun auch manchmal den Kühlschrank mit dem Geschirrkasten oder versorgen den Hausschlüssel im Briefkasten.
Auch das Autofahren wird jetzt aufgegeben, eventuell bereits wegen einem leichten Unfall.
Die Patienten sind durchaus noch fähig, gemeinsam mit anderen Menschen zu kochen, zu essen und zusammen zu wohnen.
In der Sonnweid leben sie in Wohngruppen und nehmen Teil an gemeinsamen Tätigkeiten
wie zum Beispiel beim Ausdrucksmalen, mit Therapiehunden, am Tanznachmittag u.v.m.
• Die Mundhygiene wird mangelhaft,
so dass dicke Beläge in den Zahnzwischenräumen liegen bleiben. Und was ihnen noch nie passiert ist:
bei der Zahnkontrolle finden sich plötzlich mehrere kariöse Läsionen zwischen den Frontzähnen.
Nun brauchen die Patienten eine Ganztagespflege wegen der Sturzgefahr und
Orientierungslosigkeit, für die Toilette usw. Sie sind inkontinent und sprechen nur noch einzelne Worte.
Mit der Zeit erkennen sie nicht mehr alle ihre Familienmitglieder.
Vielfach befällt sie ein Bewegungsdrang, auch mitten in der Nacht, um zur Familie oder zur Arbeit zu gehen.
• Die Zahnkontrolle wird ohne Anteilnahme geduldet oder angstvoll abgewehrt.
Nur einfache Zahnbehandlungen wie eine Extraktion am Bett sind möglich,
am besten zu Beginn der Schlafenszeit und kurz nach Abgabe von Dormicum.
Nun liegen die Patienten meistens bewegungslos im Bett. Ihr Sprachschatz ist verschwunden oder besteht nur noch aus einzelnen Worten wie "Ja" oder "Nein". Sie beobachten andere Menschen häufig skeptisch, ängstlich oder gar feindselig, und entsprechend vorsichtig muss man sich ihnen nähern. Ohne Hilfe können sie oft nicht mehr richtig essen oder schlucken. Zur Hilfe beim Essen muss ein Pfleger basale Stimulationen, Kinästhesie, Logopädie, Dysphagie-Management und Biografiearbeit anwenden. Die Dysphagie ist
Der Uhrentest macht das Demenzstadium auf einfache Weise ersichtlich.
Beim MMST-Test stellt man dem Patienten standardmässig eine Serie gewisser Fragen dieser Art:
| Orientierung | Welches Datum/Wochentag ist heute? In welchem Kanton/Pflegeheim sind wir hier? |
|---|---|
| Merkfähigkeit | Können Sie die drei Worte "Apfel, Rappen, Tisch" wiederholen? |
| Rechentest | Was gibt 100 - 7? |
| Erinnerungsfähigkeit | Welche drei Worte haben Sie sich vorhin gemerkt? |
| Sprache | Was ist das (eine Armbanduhr/Bleistift)? |
Die richtigen Antworten werden gezählt, und je nach dem Resultat wird der Demenzgrad abgeschätzt.
Der MMST-Test wird oft nur ansatzweise angewendet, zum Beispiel so:
Sie bitten den Patienten, einmal aus dem Fenster zu schauen und
Ihnen zu sagen, welche Jahreszeit es jetzt ist.
Bei einer mittleren Demenz sind die Betroffenen nicht in der Lage,
die richtige Jahreszeit zu nennen.
Schmerzloser bakterieller Befall des Kauorgans: Süsse Nahrung verbessert die Lebensqualität und stimuliert den Schluckreflex, vermehrt aber die Mundbakterien. Da die basale Mundhygiene die Zähne nicht gut reinigt, entstehen Karies und Zahnfleischentzündungen. Auch die Selbstreinigung der Zähne verschwindet, weil die Lippen-, Zungen-, Kau- und Schluckbewegungen nachlassen. Hinzu kommt die altersbedingte Mundtrockenheit. Sie ist oft auch medikamentös bedingt und entsteht wegen Mundatmung und dem Verlust der Hunger- und Durstgefühle. Überdies bleiben beim Essen oft grosse Speisereste stundenlang in den Wangentaschen liegen. Doch wenn ein kariöser Zahn abbricht, entstehen keine scharfen Kanten, die in die Zunge stechen, sondern nur weiche Wurzelreste, welche die Zunge nicht stören.

Schmerzlindernder limbischer Verfall: Die Demenz beginnt häufig im limbischen Cortex und beeinträchtigt zuerst das Gedächtnis, das Schmerzgedächtnis und die muskulären Automatismen beim Zähneputzen. Das führt zu vermehrten kariösen Befunden. Sie sind anfangs nur klein und nicht schmerzhaft wegen der altersgemässen physiologischen Schmerzminderung. Diese ist im Gebiss besonders ausgeprägt wegen der Obliteration.
Grosshirn-Verfall: Die Demenz zerstört schliesslich auch das Zeitgefühl und den Orientierungssinn und schwächt den Intellekt, die Impulskontrolle und den sozialen Sinn. Infolgedessen können Schmerzen sowohl noch weiter abnehmen, zum Beispiel infolge einer Kauunfähigkeit, Essensverweigerung, Verlust der Scham oder wegen Kraftlosigkeit, als auch zunehmen, zum Beispiel wegen emotionalen Überreaktionen mit Wut, Traurigkeit oder Aggression, und wegen muskulären Verkrampfungen oder einer Dysphagie usw.
Wer das Schmerzgedächtnis verliert, der
Wohl jeder gesunde Mensch würde bei einer wackelnden Porzellanbrücke monatelang Sorgen, Ängste und Schmerzen empfinden und nicht mehr richtig essen können. Dies ganz im Gegensatz zur nebenstehend abgebildeten dementen Patientin.
Das funktionierende Schmerzgedächtnis kann sogar bei harmlosen Vorkommnissen blitzschnell Schmerzgefühle verursachen. So zum Beispiel, wenn der Zahnarzt mit der Nadelspitze aus Versehen die Lippe des Patienten berührt und der Patient deswegen zusammenzuckt. Hat es ihn geschmerzt oder hat er nur so getan?
Dieser Schmerz hat nichts mit Einbildung, Überempfindlichkeit oder mangelnder Willenskraft zu tun, sondern er ist eine Leistung des limbischen Cortex und messbare Erregung von Schmerz-Neuronen. Wenn das Denken über längere Zeit angstvoll auf eine Gefahr eingestellt bleibt, kann es sogar neutrale Reize als bedeutsam und als Schmerz bewerten, besonders, wenn noch eine Hypervigilanz (hohes Misstrauen) besteht. Dann kann man zum Beispiel "ein Elend nicht mit ansehen".
Diese Patientin der Sonnweid hat vor dem Mittagessen ihre Porzellanbrücke samt Wurzel aus ihrem Mund genommen und neben ihren Teller gelegt, ohne Emotion und ohne dass es jemand erwartet hat, und hat dann gemütlich mittaggegessen. Nur ist jetzt die linke Wangenseite etwas eingefallen.
Die Frontzähne sind nach den Augen das zweitwichtigste Merkmal, das in einem Gesicht betrachtet wird. Sie signalisieren Gesundheit, Jugend und Vitalität, Kraft und Macht und bewirken eine soziale Akzeptanz. Menschen werden mehr beachtet, wenn sie schöne Frontzähne haben.
Diese 60-jährige Patientin (13.05.2026 / 8963) wollte unbedingt ihre beiden Frontzähne wieder so lange haben wie sie früher waren. Deshalb hat sie eine Verschönerung mit Komposit gewünscht. Beide Zähne waren fest, und sie konnte mit ihnen alles schmerzlos abbeissen. Trotzdem war der Leidensdruck erheblich. Das Resultat hat sie so sehr gefreut, dass sie nach der Behandlung gleich auch noch den seitlichen Schneidezahn verschönern lassen wollte.

Diese 73-jährige Patientin (18.03.2017 / 7235) beachtet ihre Frontzähne nicht mehr und spürt keinen Leidensdruck ab deren Aussehen. Wahrscheinlich ist ihr soziales Kontrollzentrum im Präfrontalkortex inaktiv geworden.
Allerdings sind ihre Angehörigen sehr erschrocken und wünschten eine Behandlung (siehe unten).

Dieser Patient wollte nicht mehr essen. Hatte er Schluckbeschwerden oder Zahnschmerzen?
Oder ist das Hungerzentrum im Hypothalamus inaktiv geworden?
Das Rätsel löste sich, als sich eine Pflegerin daran erinnerte, dass er aus einer sehr frommen Familie stammt,
in der vor jeder Mahlzeit gebetet worden war. Setzte sich nun jemand
neben ihn an den Tisch und faltete die Hände, tat er es auch und konnte dann wieder normal essen.
Die Körpersprache signalisiert Schmerzen durch
- Appetitlosigkeit,
- Abwehr der Pflege,
- Grimassieren,
- Schlafstörungen,
- Schreien,
- Rückzug,
- veränderte Mimik,
- Muskelspannung,
- Unruhe usw.
Allerdings ist es immer schwierig herauszufinden, ob sich das Verhalten wegen Schmerzen oder einer dementiellen Denkstörung verändert.

Angstvolle Patientin Diese Patientin wird überfordert, weil mehrere Menschen in ihr Zimmer gekommen sind, die sie nicht erkennt. Die Zähne zeigen eine Kampfbereitschaft, ihr Zurückweichen an die Wand zeigt Angst.
In der fortgeschrittenen Demenz können sich die Grundemotionen der Amygdala (Wut, Flucht und Angst) sehr deutlich zeigen, weil der besänftigende Einfluss des Grosshirns erloschen ist.
Bei bis zu 40% der Heimbewohner entstehen deswegen Muskelverkrampfungen an Schultern/Nacken/Kiefer (Wachbruxismus), an Fäusten, Armen oder Beinen und am Rumpf.
Kurz vor Wutausbruch?
In der Demenz entstehen häufig emotionale Überreaktionen nach kleinen Änderungen, weil man diese nicht verstehen kann. Die Betroffenen werden dann wütig, starrköpfig, verwirrt, beschämt oder aggressiv usw.
Ein Pfleger kann jetzt versuchen, den Protest zu wertschätzen und in kurzen Sätzen Anteil zu zeigen mit „Ja, das regt einen auf.“ oder „Du machst dir Sorgen, was?“. Analoge Validationen sind auch ein grosses Thema in der Erziehung von Kleinkindern.
In der Wohngruppe sitzen die Bewohner an grossen Tischen zusammen.
In dieser Krankheitsphase wollen einzelne in der Küche helfen und andere lieber plaudernd
zusammensitzen. Es werden ihnen viele verschiedene begleitete Aktivitäten angeboten wie Tanzen, Spazieren,
Kuchen backen, Ausdrucksmalen, Männerwerken und sogar Gottesdienste.
Sie teilen ihre Schlafzimmer meistens mit einer zweiten Person, und über ihren Betten hängen Fotos und
Bilder von zuhause.
Damit sie nachts nicht aus dem Bett fallen, werden Bettgitter angebracht.
Sie benötigen eine Pflege tagsüber und auch nachts, weil sie dann manchmal aufstehen
müssen und Hilfe auf dem Weg zur Toilette benötigen. Sie können
sonst stürzen und sich einen Arm brechen oder die Toilette nicht mehr finden.
Die basale Stimulation ist eine non-verbale Kommunikation und aktiviert zunächst den limbischen Cortex, aber dann sofort auch die somatischen Areale des Grosshirns. Dazu werden die Sinne möglichst mit einem Bezug zur Lebensgeschichte des Patienten angeregt mit etwas, das ihn freut: Berühren, Streicheln, Bewegen, Schaukeln, Kneten, Massieren, Klänge, Musik usw. Der gezielte Druck und das Ausstreichen auf der Haut erinnert den Dementen an seinen Körper. Dabei soll es sich immer auch wie ein psychosoziales Signal der validierenden Zuwendung anfühlen.
Die Validation besteht aus verschiedenen Techniken und richtet sich nach dem Demenzstadium. Ein Pfleger wendet zum Beispiel die Schritte Ruhe → Wahrnehmen → Verstehen → Bestätigen → Geborgenheit an, und bei den Demenzphasen beachtet er das Orientierungsvermögen, Zeitgefühl, Bewegungsvielfalt und Vegetieren. Dabei wertschätzt und akzeptiert er den Patienten ohne jede Kritik, damit sich dessen Stimmung bessert. Im Gespräch bewähren sich die offenen W-Fragen mit Wer, Was, Wann und Wie. Also zum Beispiel Wer war bei Ihnen? Was genau beunruhigt Sie? Wann hat das angefangen? Wie sieht die Person aus, von der Sie sprechen? Wo-Fragen sind bei verlorener Orientierung zu schwierig, und Warum-Fragen sind meistens ein Problem, weil sie logisches Denken verlangen und nicht einfach die Emotion des Patienten bestärken. Eine Validation kann bis in 20 Mikroschritte unterteilt werden und aber bei einer fortgeschrittenen Demenz auch weitgehend non-verbal erfolgen.
Beide Techniken bewirken Freude und können Aggression und Angst abbauen. Die Wirkungen sind also nicht nur spezifische biochemische Reaktionen bei gewissen Synapsen, die zu Schläfrigkeit und Schmerzlosigkeit führen. Sie stimulieren viel mehr ganze neuronale Netzwerke in allen Teilen des Gehirns. Zudem wirken sie auch im Sinne der Psycho-Neuro-Immunologie gesundheitsfördernd und verzögern damit den dementiellen Abbau.
Da die Patienten jetzt die Mundhygiene abwehren und sie trotzdem Süsses essen, verfallen ihre Zähne kontinuierlich. Zum Glück sind die Zahnnerven altershalber obliteriert und ist der Abbau des Schmerzgedächtnisses fortgeschritten, so dass kaum je Zahnschmerzen entstehen. Eine Zahnbehandlung ist nur möglich, wenn reizarm therapiert wird und solange der Patient in einer guten Stimmung gehalten und abgelenkt werden kann, zum Beispiel mithilfe eines Familienangehörigen. Die Zahnbehandlung selber überfordert sein Verständnis. Die technische Umgebung eines zahnärztlichen Behandlungszimmers und Behandlungsstuhls wird ihn verunsichern und verängstigen. Eine Zahnbehandlung darf den Rahmen einer basalen Stimulation und Validation nicht überschreiten.

Das Stressempfinden in der Demenz kann sehr hoch werden, wenn die Patienten die Umstände nicht verstehen. Meistens wehren sie sich gegen Dinge, die sich verändern.
| JA | Schwellung, Schmerz, Gefahr, Fieber, Risiko Lungenentzündung |
|---|---|
| WARTEN | bei Unsicherheit und keine Gefahr, Kooperation unsicher. Medikamente? |
| NEIN | wenn kein Nutzen, fragile Gesundheit, starke Belastung |
| Cave: eine Narkose kann Todesfolgen haben | |
Die Mundhygiene ist eine Gelegenheit zur basalen Stimulation. Die Hilfsmittel richten sich nach dem Patienten, seinen Zähnen, seiner Hand und seiner Vorliebe. Das Ziel ist nicht die Hygiene, sondern den Patienten zu erfreuen. Nicht vergessen: Die Stimulation der Lippen-, Wangen-, Zungen- und Schluckbewegungen kann man durch Spiegeln vormachen, wenn man einen Blickkontakt von Angesicht zu Angesicht herstellt. Die Wangen ausstreichen hilft, die orale Selbstreinigung zu verbessern und allfällige Speiseresten aus den Wangentaschen zu massieren.
Zahnbürstengriff: Um dem Patienten zu helfen, kann man den Griff der Zahnbürste handlicher machen. Benützbar sind weiche, harte oder elektrische Zahnbürsten, Interspace-Zahnbürsten oder sogar Zahnstocher und Zahnseide, die zu einem Spiel mit den Fingern anregen. Vielleicht nur Wattestäbchen oder ein Taschentuch für einen Kontakt mit den Lippen und warmes oder kaltes Wasser zum Spülen?
Aromatische Zahnpasten: Es gibt die BE YOU-Zahnpasten mit verschiedenen Aromen (Curaprox) für frischen Atem. Die Aromen sind Wassermelone, Apfel + Aloe Vera, Grapefruit + Bergamotte, Pfirsich + Aprikose, Brombeere + Lakritze, Gin Tonic + Khaki. Vielleicht ist eine dabei, die besonders gut riecht oder schmeckt?
Warmes Tuch: Wichtig bei einem verspannten Gesicht und bei einer Schmerzvermutung bei eingeschränkter Mundöffnung ist ein warmes Tuch, das man um auf die Wange hält. Die Wärme entspannt den Wangenmuskel sofort und auf eine angenehme Weise.
Zahnbürste mit handlichem Griff
BE YOU-Zahnpasten von Curaprox
Das Ziel der Validation ist, Vertrauen aufzubauen und den Widerstand gegen die Mundpflege zu reduzieren. Dabei sollte man dem Betroffenen Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung vermitteln und ihn mit lobenden Bemerkungen bestärken wie "Jetzt haben Sie ihre Zähne wieder ganz sauber geputzt." Bei einem solchen Dialog begibt sich ein Pfleger zunächst auf Augenhöhe, sucht dann einen tiefen Blickkontakt und spricht langsam und deutlich.
Hier ein Beispiel, was ohne Validation passieren kann.
Die VA-CH® propagiert die Vier-Schritt-Validation nach Naomi Feil,
(siehe Validation Schweiz).

Michael Schmieder leitete bis 2015 die Sonnweid. Seine Pflege legte Wert auf eine weitgehende Freiheit von Medikamenten. Dabei konnte er beobachten, dass die Bewohner nach Absetzen der Medikamente gesünder geworden sind und einige sogar an Gewicht zugenommen haben. Damit sie ihrem Bewegungsdrang frei folgen können, hat er die Sonnweid mit einem schützenden Hag umgeben und richtete an mehreren Stellen kleine Essgelegenheiten ein, wo sie sich im Vorbeilaufen bedienen können.
Neue Konzepte sind das Spiegeln der Körperhaltung, der gezielte Blickkontakt, die biografisch orientierten Berührungen und die integrative Validation. Bei dieser setzt der Pfleger intuitiv die aktuellen Gefühlen ins Zentrum und nicht eine Vier-Schritt-Technik und die vergangene Biografie. Und die basale Stimulation ist nicht mehr nur eine Stimulation der Sinne, sondern ein Medium, das die Sprache ersetzt und mit dem man sich äussern kann. Dabei soll sich der Demente als handelnde Person erleben indem man seine Hand führt, zum Beispiel auch bei der Mundhygiene.

Diese 88-jährige Patientin (18.06.2026 / 585) wohnt in einem Altersheim und ist gekommen, weil der Eckzahn -3 plötzlich gewackelt hat. Er ist ein Klammerzahn der unteren Teilprothese, und die Patientin konnte wegen dem wackelnden Zahn nicht mehr mit der Teilprothese essen.
Beim Untersuch stellte sich heraus, dass die Krone nur noch am Nerv hing und gar nicht mit dem Zahnfleisch verwachsen war wie sonst jeweils bei einer Zahnfraktur. Die Krone liess sich mühelos ohne Schmerz in alle Richtungen drehen und kippen und schliesslich mit wenig Kraft und völlig blutungsfrei von der Wurzel abziehen. Interessanterweise hat die Karies die Pulpa nicht verflüssigt sondern ohne Schmerzen mumifiziert.
Der Eckzahn konnte mit einer tief nach subgingival reichenden Kompositfüllung ohne Wurzelbehandlung in einer Sitzung wieder als
Klammerzahn rekonstruiert werden (rot umrandet).
Wie eine subgingivale Karies die Pulpa austrocknet und nicht schmerzvoll vereitert

hohem Alter + subgingivale Lage + langsamer Verlauf
Quellen:
I.B. Bender, Samuel Seltzer. Dental Pulp. 2. Aufl,
Chicago: Quintessence 1984
Fejerskov O, Kidd E. Dental Caries. 3. Aufl.
London: Blackwell; 2025.
Ricucci D, Bjørndal L – Pulpainflammation und Pulpanekrose bei Kariesprogression.

Faserreiche Pulpa mit einem Gerüst aus Kollagenbündeln
In diesem Stadium können die Betroffenen nur noch wenig sprechen und verstehen und sind auch zeitverwirrt. Deshalb wird die basale Stimulation zu einer Hauptmethode und in der Validation werden Spiegeln, der Blickkontakt und sensorische Reize wichtiger, also Musik, sanfte Berührungen und auch angenehme Gerüche.
Bei jedem fünften Dementen entsteht ein Bewegungsdrang, der Tag und Nacht wirkt und sogar die Mahlzeiten verdrängt. Häufig entsteht er, weil der Patient jemanden sucht oder weil er zur Arbeit gehen möchte. Die validierende Reaktion ist dann „Sie vermissen Ihre Mutter sehr, nicht wahr? Erzählen Sie mir von ihr.“ oder "Ich sehe, wie wichtig es dir ist, heute pünktlich zu sein und deine Aufgaben zu erledigen. Was musst du denn tun?"
Die non-verbale Kommunikation auf diese Art ist ein beidseitiger Lernprozess, bei dem der Pfleger beobachtet,
wie der Patient reagiert, und umgekehrt lernt der Patient, was der Pfleger für eine Absicht hat.
Zum Beispiel beginnt eine Umlagerung mit einer leichten Berührung der Schulter des Patienten
um dann seine Reaktion abzuwarten.
Sie zeigt entweder ein Einverständnis oder eine Ablehnung. Entsprechend verläuft die
Umlagerung weiter oder geht sie in ein Streicheln oder Handhalten über usw.

Der Bewegungsdrang entsteht, wenn die Betroffenen ihr Zuhause oder ihren Arbeitsort suchen. Dabei beachten sie weder Zeit noch Ort, vergessen die Mahlzeiten und können nicht mehr für sich selber sorgen.
Auf ihren Wanderwegen durch die Gänge des Pflegeheims und in der umzäunten Gartenanlage finden die Bewohner an manchen Stellen Teller mit frischem Obst und Gemüse, damit sie ihren Hunger stillen können, ohne einen Esssaal oder eine Kantine zu suchen.
Die Frau spaziert am Mann vorbei ohne ihn zu begrüssen. Und wenn man sie begrüsst ("Guten Tag Frau Meier"), dann grüsst sie nicht zurück und wendet auch den Kopf nicht. Doch ist eine solche Begrüssung mit ihrem Namen eine geistige Stimulation (Validation).
Der Mann sieht zwar die Türe, weiss aber nicht, was man mit ihr machen kann und geht schliesslich ruhig weiter im Gang, ohne die Türe zu öffnen. Aber der nächste Passant wird die Türe vielleicht schon öffnen und sich dann im Nebenraum umsehen.
Im Pflegesaal befinden sich etwa 20 Patienten. Sie liegen alle je in einem Bett und sind wach, bewegen sich aber wenig. Viele legen ihren Kopf nicht auf das Kissen, sondern halten ihn leicht aufgerichtet in der Luft. Im Gegensatz zu einem Einzelzimmer erleben sie im Pflegesaal immer wieder neue Dinge. Sie bemerken jeden Besucher und hören jedes Wort und jedes Geräusch. Sie selber äussern nur noch einzelne kurze Sätze, die sie oft mit lauter Stimme unvermittelt rufen.
Zum Beispiel rief mir ein im Saal liegender Patient "nein, nein, nein" entgegen. Er hat gesehen, dass ich bei seinem Nachbar im Bett die Zähne untersucht habe und befürchtet, dass ich dasselbe bei ihm auch machen wollte. So bin ich an ihm vorbeigegangen und habe beim nächsten Bett einen Untersuch gemacht. Offenbar hat er mich ganz still weiterhin genau beobachtet. Denn als ich alle Untersuche gemacht hatte und den Saal wieder verlassen wollte, rief er mir laut "ja, ja, ja" entgegen. Daraufhin konnte ich auch seine Zähne gut untersuchen.Weil in der fortgeschrittenen Demenz Sinn und Handhabung einer Zahnbürste vergessen sind, wehren sich die Betroffenen kraftvoll gegen die Mundhygiene. Trotzdem gibt man ihnen hie und da einen süssen Speisebrei, den sie lieben und der ihre Lebensqualität und Ernährung verbessert. Folgedessen verursachen die Zahnbeläge und Speiseresten einen raschen kariösen und parodontalen Zerfall.
Erstaunlicherweise hat der Zahnzerfall keinen grossen Krankheitswert, denn
Eine teilweise noch vorhandene Gewohnheit des Zähneputzens kann zu einer basalen Stimulation verwendet werden. Es spielt keine Rolle, ob die Zahnbürste in den Mund hinein darf oder nicht. Nützlich ist jede Art von Zuwendung des Pflegers zum dementen Patienten.
Peter Nydahl: Basale Stimulation in der Pflege

Trotz der tiefen Karies bis zum Nerv war dank dieser reizarmen bimanuellen Haltetechnik keine Anästhesie nötig, und die Patientin hat vor und nach der Behandlung keinerlei Medikamente bekommen.
Diese Behandlung wurde nicht wegen Schmerzen oder einer gesundheitlichen Gefahr gemacht, sonder weil der Ehegatte die Karies bei den Frontzähnen (siehe oben) nicht dulden konnte. Es war also ein sozial-ästhetischer Notfall.
So kam die 73-jährige Patientin (18.03.2017 / 7235) im Rollstuhlg in Begleitung ihres Sohnes und ihres Gatten. Er legte seine Hand auf ihre Augen und Stirn. So konnte er das blendende Licht abhalten und sie derart beruhigen, dass sie die Zahnbehandlung ohne Protest und Abwehr erduldet hat. Ihr Sohn sass während der ganzen Behandlung auf einem Stuhl daneben und berührte mit seiner Hand ihr Beine.
Die Karies ging bis zum Nerv (
Nerv zeigen).
Trotzdem zeigte die Patientin in keinem Moment ein Zeichen des Schmerzes.
Nach der Behandlung wurde die Lehne des Rollstuhls wieder hochgestellt, und sofort öffnete die Patientin die Augen und lachte,
als ob sie die Zahnverschönerung begriffen hätte.
Anderthalb Jahre später ist die Patientin verstorben.
Dysphagie statt Essen: In diesem Stadium verschwinden bei einer oralen Dysphagie die Kaubewegungen, bei einer pharyngealen der Schluckreflex und bei der ösophagealen der Transport in der Speiseröhre zum Magen. Meistens verbleiben die Lutschbewegungen. Sie drücken die Frontzähne nach hinten und die Seitenzähne nach innen. Bei einem mehrere Monate lang andauernden Saugdruck kippen alle Zähne schief zur Zunge.
Mundhygiene unmöglich: Das Einführen einer Zahnbürste in den Mund wehren die Patienten kraftvoll und entschieden ab. Alle Erinnerungen an das Zähneputzen seit der Kindheit sind verschwunden. Auch andere Hygienebehandlungen kann der Patient nicht verstehen. Sie sind nur sinnvoll, wenn er sich nicht wehrt und kein Schaden resultieren kann. Eine Sanierung der Zähne ist unmöglich.
Weshalb keine Schmerzen?

Beide Patientinnen haben mit ihren Saugbewegungen die Zähne fast 90° nach hinten gekippt. Sie liegen nur noch im Bett und bekommen seit vielen Monaten Löffelnahrung.
Die Zahnbeläge entzünden das Zahnfleisch. Jeder Putzversuch wird durch kraftvolle Abwehrbewegungen der Lippen, Zunge, Hände und des Kopfes verhindert.
2006 bekam ich von der Ethikkommission die Erlaubnis, bei einigen verstorbenen Demenzpatienten den Zahnstatus mit Röntgenbildern zu erfassen.
Die Röntgenbilder von gut 100 Zähnen zeigten einen desolaten Zustand mit viel Karies und Parodontitis. Erstaunlicherweise waren aber nur wenige und nur kleine periapikale und parodontale Aufhellungen vorhanden. Diese schwellen minimal an und schieben so den kariösen Wurzelrest aus dem Zahnfleisch hinaus als eine Art Selbstheilung.
Aus der Beobachtung, dass diese Menschen schon monatelang nur noch Löffelnahrung schlucken konnten und keine Kaubewegungen mehr machten, durfte ich folgern, dass sie auch nie mehr zugebissen haben und deshalb auch nie einen Druckschmerz auf den Zahnstummeln erzeugen konnten und gespürt haben.

Diese erst gerade verstorbene Frau (80-jährige Patientin (18.10.2006 / 4817)) hat durch Saugbewegungen alle Zähne etwa 30° in den Mundraum hinein gekippt.
Die ebenen Kauflächen und abgeschliffenen Schneidekanten sind durch den früheren Bruxismus entstanden. Dieser ist stressbedingt und wird vom limbischen Cortex aktiviert. Das Bild der Zähne zeigt, dass der limbische Cortex jetzt nur noch frühkindliche Bewegungen macht.
Der abgebrochene Molar rechts unten wird nicht belastet und wegen der Karies beständig kleiner. Das apikale Granulom ist sehr klein. Der Zahn hat wohl nie geschmerzt.

Diese erst gerade verstorbene Frau (96-jährige Patientin (11.11.2006 / 4862)) hat alle Zähne bis zu etwa 30° schief in den Mundraum hinein gekippt.
Kariöse Wurzelreste und schwere Parodontitis prägen das Bild. Aber Schmerzen sind keine zu vermuten, weil die Zähne nicht belastet werden und auch von selber ausfallen.