W. Weilenmann
Dr. med. dent.
Walter Weilenmann
dipl. Natw. ETH
eidg. dipl. Zahnarzt

Mitglied SSO, SSGS
und SSO-Zürich.

Demenz: Ursachen, Verlauf und Pflege

Demenz ist eine Neurodegeneration des Gehirns. Die Ursachen sind multifaktoriell. Dazu gehören vor allem Nervenverklumpungen wegen Eiweissablagerungen. Gut darstellbar sind Entzündungen und Substanzverluste im Gehirn. Neuerdings vermutet man eine spezielle Art von Diabetes, Mikroinfarkte und sogar Mundbakterien. Deshalb ist eine gute Mundhygiene ein verständliches Anliegen der Pflege. Allerdings ist die Hauptursache wohl ein altersbedingter Abbau des Gehirns, der durch einen chronischen Stress und einen ungesunden Lebensstil verstärkt wird. Daraus ergeben sich die pflegerischen Motive der basalen Stimulation und Validation.

Im Frühling 2026 wurde ich gebeten, einen Vortrag für die Prophylaxe-Assistentinnen des SVPA zum Thema „Keine Zahnschmerzen in der fortgeschrittenen Demenz“ zu halten. Insbesondere möchten sie wissen, ob ein dementer Mensch die Zahnschmerzen gleich früh bemerkt wie ein gesunder Mensch, wie sinnvoll eine Zahnbehandlung bei ihm ist und was ausserdem noch möglich ist. Weil ich im Demenzheim Sonnweid zwanzig Jahre lang kein einziges Mal einen zahnärztlichen Notfall behandeln musste und bei den Patienten trotz ihren schlechten Zähne nie eine Schwellung im Mund gesehen habe, schrieb ich 2010 ein entsprechendes Informationsblatt in der Zeitschrift PARTIcipation.

Bei der Vorbereitung dieses Vortrages ist mir aufgefallen, dass heute dank ChatGPT jeder das weltweite Wissen zur Demenz sofort und bequem zuhause konsultieren kann. Allerdings finden sich eigentlich keine weiteren konkreten Beispiele zu Zahnbehandlungen bei fortgeschrittener Demenz (Handout zum Vortrag). Die beiden Bilder zur Appetitlosigkeit und zum Bewegungsdrang wurden mit ChatGPT erstellt.

Aus dem Demenzheim Sonnweid von
Michael Schmieder:

2015: Dement, aber nicht bescheuert
2024: Dement, aber nicht vergessen

Häufigkeit, Ursachen und Verhütung

Wieviel Demenz gibt es?

Prognose: Laut WHO leben global 57 Millionen Menschen mit Demenz, und bis 2050 werden es 150 Millionen sein wegen dem Bevölkerungswachstum und der steigenden Lebenserwartung.

 SchweizDeutschlandItalienJapan global
Menschen (2025)8 Mio.80 Mio.59 Mio.122 Mio. 8.3 Mia.
Lebenserwartung (M-F)82-8678-8281-8582-8872-76
Durchschn. Alter > 6574.575.57677.574
Menschen > 651.6 Mio.
20%
19.2 Mio.
24%
14 Mio.
25%
40 Mio.
30%
830 Mio.
10%
Erwerbstätige > 65192'000
12%
2.5 Mio.
13%
1.4 Mio.
10%
10.1 Mio.
25.2%
56 Mio.
6%
davon dement160'000
10%
1.8 Mio
9%
1.5 Mio.
11%
4.5 Mio.
11%
56 Mio.
6%

Die Lebensweise beeinflusst das Demenzrisiko und die Lebenszeit.
Nach einer Demenzdiagnose beträgt die Überlebenszeit noch etwa 5 Jahre.
Japaner haben die höchste Lebenserwartung (85 ± 3 Jahre) und folgedessen am meisten Demenzkranke. Auffällig ist, dass Japans Prävalenz der 85-Jährigen (★15%) 5% kleiner ist als die globale (★20%), und dass 50% der über 100-Jährigen keine oder nur eine leichte Demenz aufweisen.

Globale Prävalenz Demenzrisiko Frauen Demenzrisiko Männer Prävalenz in Prozent % 50 40 30 20 10 0 60 65 70 75 80 85 90 95 100 10% Globale Prävalenz bei 80-Jährigen 15% Japans Prävalenz bei 85-Jährigen 20% Globale Prävalenz bei 85-Jährigen 35% Globale Prävalenz bei 90-Jährigen 50% Japans Prävalenz bei 100-Jährigen

Warum mehr Demenz bei Frauen als bei Männern?

Etwa zwei Drittel aller Menschen mit Alzheimer oder Demenz sind Frauen. Der Unterschied zu den Männern entsteht wegen hormonellen, sozialen, medizinischen, genetischen und biologischen Faktoren.

  1. Menopause und Östrogene: Östrogene schützen das Gehirn vor Tau-Fibrillen und Beta-Amyloid-Plaques.
  2. Hoher Stress der Pflegeberufe: Frauen übernehmen einen Grossteil der Pflegetätigkeiten. Pflegeberufe haben aber einen hohen körperlichen und emotionalen Stress.
  3. Weniger Bildung: Bildung ist eine kognitive Reserve und kann die altersbedingten Veränderungen im Gehirn besser abfedern. So können ausgebildete Menschen bei einer beginnenden Demenz den Alltag länger gut bewältigen als Leute ohne Beruf oder Studium.
  4. Weniger Lohn: Ein dauerhafter Niedriglohn bewirkt pro Jahrzehnt ein zusätzliches Jahr an kognitiver Alterung gegenüber Gutverdienenden.
  5. Negative psychosoziale Belastungen im mittleren Lebensalter zeigen in Langzeitstudien einen Zusammenhang mit späterer Demenz.
  6. Verspätete Diagnose: In den sprachlichen Gedächtnistests wie der Depressions-Skala und dem Mini-Mental-Status-Test sind Frauen meistens besser als Männer und können Alzheimer-Symptome besser verdecken. Deshalb erhalten sie oft erst später ein Medikament gegen Demenz wie Donepezil, Rivastigmin, Galantamin, Memantin, Donanemab usw.
  7. Medikamente für Männer: Die Spezialitäten der weiblichen Hormone, Genetik und Immunfaktoren werden in der Forschung noch kaum berücksichtigt.
  8. Einige Gene auf dem X-Chromosom erhöhen das Alzheimer-Risiko bei Frauen stärker als bei Männern (wie das Genvarianten-Paar ApoE4).
  9. Höhere Lebenserwartung: Die Zahl der Neuerkrankungen ist bei allen Altersgruppen etwa gleich. Aber ab 70 hat es ein Frauenüberschuss und deshalb mehr dementielle Frauen als Männer.

Frauen haben eher Alzheimer, und
Männer alle anderen Demenzformen

Japans besonders hohe Lebenserwartung

  • Japanerinnen werden durchschnittlich 87 und Japaner 81 Jahre alt.
  • 32% aller Japanerinnen sind über 65 Jahre alt (in der Schweiz nur 21%).
  • In Japan lebten 2026 etwa 110'000 über 100-Jährige (100'000 Frauen und 10'000 Männer). Davon haben etwa 20% keine Demenz, 10% eine sehr leichte, 20% eine leichte, und 50% eine mittelschwere bis schwere Demenz.
Schweiz vs. Japan

Ursachen: Lebenswandel und neurologische Schäden

Früher sprach man einfach von "Altersvergesslichkeit". Das Altern ist aber nicht die Ursache der Demenz. Vielmehr gibt es über 100 verschiedene Diagnosen der Demenz und ihren Mischformen.
Die häufigsten Ursachen sind ein ungesunder Lebenwandel mit Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Rauchen, Übergewicht, Diabetes und soziale Isolation. Bei diesen kann eine nervliche Degeneration im limbischen Cortex entstehen, weswegen die Vergesslichkeit entsteht.

Neuronen
Dendritenatrophie
Ajai JN et al. "Chronic Stress Induces Contrasting Patterns of Dendritic Remodeling in Hippocampal and Amygdaloid Neurons" Journal of Neuroscience, Vol. 22, Issue 15, 1. Aug 2002

Die Atophie entsteht wegen

 • chronischem Stress,
 • Depressionen,
 • Bewegungsmangel,
 • wenig Denken,
 • sozialer Isolation,
 • schlechter Ernährung,
 • Bluthochdruck,
 • Diabetes,
 • Hörverlust,
 • schlechtem Schlaf
  • Bluthochdruck und Mikroinfarkte im Grosshirn beeinträchtigen das Denken und Entscheiden.
  • Amyloid-Plaques: Die Amyloid-β-Oligomere der Membranproteine lagern sich in den Synapsen an und entzünden die Mikroglia des Immunsystems, und deren Tau-Proteine hyperphosphorylieren die intrazellulären Fibrillen, dies alles meistens zuerst im Hippocampus
  • Neuronenschäden: Neuronen und Synapsen degenerieren und verfetten wegen Amyloid-β, TAU-Proteinen, LEWY-Körperchen und Mikroblutungen.
  • Entzündungen: Chronisch entzündete Mikroglia verursachen eine Neuroinflammation und Neuronenschäden.
  • Energiemangel: Eine Insulinresistenz im Gehirn hemmt den Zuckerabbau.
  • Familiäre Häufung: z.B. bei frontotemporaler Demenz.
  • Mundbakterien: Im Gehirn von dementen Patienten wurde neuerdings das Mundbakterium Porphyromonas gingivalis gefunden (Mark I. Ryder: The Link Between Periodontitis and Alzheimer's Desease).

Alle diese Faktoren wirken schon 20 Jahre vor dem Ausbruch der Demenz.

Gedächtnisbildung bei Eustress

Eustress aktiviert den Sympathicus, der die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin ausschüttet. Danach entsteht ein Cortisol-Peak, welcher wie ein negatives Feedback-System den Stress reguliert. Nach dem Stress folgen die Glückshormone Dopamin und Endorphin, welche als Belohnung und Motivation wirken. Dabei verbessern sich die Synapsen im Hippocampus und entsteht ein Lernprozess. Zudem werden Immunzellen mobilisiert, um allfällige Verletzungen abzuwehren.

Gedächtnisabbau bei chronischem Stress

Dauert ein Stress wochen- oder monatelang, so bleibt der Cortisolspiegel hoch und werden die Belohnungshormone Dopamin noch Endorphin nicht ausgeschüttet. Die betroffenen Synapsen im Hippocampus und im Präfrontalcortex werden nicht verstärkt sondern abgebaut. Der Sympathicus bleibt aktiv, während der Parasympathicus nicht regulieren kann. Die Immunabwehr wird gehemmt, und die Entzündungswerte im Körper erhöhen sich.


Verhütung

Weil es noch kein Heilmittel bei Demenz gibt, ist die Verhütung besonders interessant. Diese geschieht am besten mit einer gesunden Lebensweise hinsichtlich Stressvermeidung, körperlicher und geistiger Betätigung, sowie Körpergewicht und Diabetes. Super-Ager sind meistens kontaktfreudige, gesellige und gesprächige Leute. Und Hundehalter über 65 erkranken bis zu 40% weniger häufig an einer behindernden Demenz.

Die Alzheimer Forschung erwähnt diese Mittel als die besten gegen Demenz:

  • Bewegung: Treppen statt Aufzug, kleine Spaziergänge zwischendurch
  • Geistig aktiv bleiben: Jeden Tag mindestens 15–30 Min. neue Informationen aufnehmen
  • Soziale Kontakte pflegen: Regelmäßig Gespräche, Vereine, Gruppenaktivitäten
  • Gesunde Ernährung: Mediterran, viel Gemüse/Obst, Nüsse, wenig rotes Fleisch
  • Schlaf: 7–8 Stunden, da Schlaf die Gedächtnisbildung fördert
  • Stress reduzieren: Meditation, Atemübungen, Hobbys

Die medizischen Gründe der hohen japanischen Lebenserwartung sind unter anderem:

  • viel Bewegung im Alltag,
  • starke soziale Einbindung älterer Menschen.
  • traditionelle Ernährung mit Fisch und Gemüse und ohne viel Zucker (bei uns "Mittelmeerkost")
  • relativ geringe Fettleibigkeit, und
  • gute medizinische Versorgung,

Die kulturellen Gründe der niedrigen Demenzrate in Japan sind das Ikigai. Ikigai bedeutet "Lebens­sinn" oder "wofür es sich zu leben lohnt". Dabei verändert man seine konkreten Umstände im Laufe der Zeiten und Lebensphasen. Das Ziel ist, zugleich gesund und glücklich zu sein mit seiner , dem , oder usw.:
  • Tu, was du liebst,
  • was du gut kannst,
  • womit du Geld verdienst, und
  • was die Welt braucht.
 1 Freude und Erfüllung, aber nicht reich
 2 Zufrieden, aber Gefühl von Nutzlosigkeit
 3 Komfortabel, aber Gefühl von Leere
 4 Wohlhabend, aber Gefühl von Unsicherheit
Vier-Kreise-Modell
Tu, was du gerne machst was du gutkannst was Deiner Familie gut tut wasdie Weltbraucht Passion Mission Berufung Profession 1 2 3 4 Ikigai
Das Gehirn wie einen Muskel trainieren

In jedem Alter kann man das Gehirn trainieren. Das Training findet statt, wenn man eine neue Sprache lernt oder ein Musikinstrument übt, einen Tanz oder Sport ausprobiert, neue Aufgaben anpackt oder etwas Neues und nicht Routinearbeiten macht.

Im Gegensatz zum Vier-Kreise-Modell basiert das Ikigai gemäss Ken Mogi auf fünf Kreisen:

  • Klein anfangen,
  • loslassen lernen,
  • Harmonie und Nachhaltigkeit leben,
  • die Freude an kleinen Dingen entdecken,
  • im Hier und Jetzt sein.

Fünf-Kreise-Modell
ikigai
klein anfangen hier und jetzt los- lassen I k i g a i Freude Harmonie

Demenzformen und Diagnostik

Die vier hauptsächlichen Demenzformen

21VierFormen.jpg

Leitsymptome der Demenzformen


Alzheimer (60-70%)

Störung des Kurzzeitgedächtnisses, Probleme beim Lernen und Benennen von Gegenständen, Zeit und Ort. Die Pflege ist relativ einfach.

Vaskuläre Demenz (15-20%)

Plötzlicher Beginn. Oft Lähmung von Arm oder Bein, erschwerte Orientierung, Denken, Erinnern, Sprechen und/oder Sehen sind betroffen, auch mit Schwindel oder Inkontinenz. Ganztagespflege.

Lewy-Körperchen-Demenz (5%)

Phasen mit Halluzinationen, Bewegungslosigkeit, Unaufmerksamkeit, wenig Leistungsfähigkeit und Zerstreutheit. Ganztagespflege.

Frontotemporale Demenz (5%)

Das Gedächtnis bleibt anfangs intakt, aber es verschwinden Vernunft, Anstand und Kooperation. Die Sprache wird laut, taktlos und zuletzt unverständlich. Ratlosigkeit oder Impulsivität, Reizbarkeit oder Aggression nehmen zu. Die Pflege ist schwierig, weshalb Beruhigungsmittel eingesetzt werden.

Mischdemenz (sehr häufig)

Meistens ist Alzheimer mit kleinen Schlaganfällen oder Lewy-Körperchen kombiniert. Es gibt auch Mischformen mit Parkinson, Creutzfeldt-Jakob-Demenz usw.


Die Diagnostik der Demenz

Die einfachsten und wichtigsten Mittel zur Demenzdiagnostik sind der MMST und Uhrentest.
Die endgültige Diagnose erfordert aber eine genaue Anamnese der Lebensumstände, Laboruntersuchungen des Bluts und ein CT oder MRT des Gehirns.

Jahreszeiten-Test

Sie bitten den Patienten, einmal aus dem Fenster zu schauen und zu sagen, welche Jahreszeit es ist.
Bei einer mittleren Demenz sind die Betroffenen nicht in der Lage, die richtige Jahreszeit zu nennen.

Das ist auch eine Frage, die im MMS-Test verwendet wird.

MMST (Mini-Mental-Status-Test)

Beim MMST-Test stellt man dem Patienten etwa 30 Fragen dieser Art:

Orientierung Welches Datum/Wochentag ist heute?
In welchem Kanton/Pflegeheim sind wir hier?
Merkfähigkeit Können Sie die drei Worte "Apfel, Rappen, Tisch" wiederholen?
Rechentest Was gibt 100 - 7?
Erinnerungsfähigkeit Welche drei Worte haben Sie sich vorhin gemerkt?
Sprache Was ist das (eine Armbanduhr/Bleistift)?

Die richtigen Antworten werden gezählt, und je nach dem Resultat wird der Demenzgrad abgeschätzt.

Uhrentest

Der Uhrentest macht das Demenzstadium auf einfache Weise ersichtlich.

Uhrentest
Frühes Stadium
Mittleres Stadium
Spätes Stadium


Die drei Gehirne des Kausystems

Gesunde Alterung der Neuronen

Abnahme des Bruxismus im Alter

Der Bruxismus ist eine limbische Verkrampfung des Kausystems bei etwa 30% der Menschen. Er ist stressbedingt und erzeugt Zahnschmerzen, weshalb die Betroffenen einen Zahnarzttermin abmachen. Dabei werden die überlasteten Zähne eingeschliffen, also um einen minimalen Betrag verkleinert, so dass sie weniger belastet werden. Der Schmerz wird dann wegen der Minderbelastung kleiner.

Frauen bruxen mehr als Männer, und ab 60 nehmen bei beiden die Einschleif-Termine stetig ab.

  • Die Abnahme des Bruxismus im Alter entsteht, weil sich ab 60 im Gehirn Gliazellen zum Schutz vor den emotionalen Überreaktionen bilden.

Reifung des Gehirns

Wegen neurodegenerativen und fibrotischen Alterungsprozessen nehmen im Gehirn die Neurotransmitter und die Zahl der Synapsen ab. Dadurch werden die Reaktionen langsamer, nimmt die sensorische Empfindlichkeit ab (zum Beispiel im Gehör) und werden auch die Emotionen gedämpft. Deshalb sind ältere Menschen oft zufriedener als junge.

  • Diese Alterungsvorgänge sind ein Schutz vor emotionalen Überreaktionen,
    Stress und übertriebenen Schmerzerwartungen.

Obliteration der Pulpa

Die Zahnnerven altern wegen der Obliteration schneller als alle anderen Nerven. Sie bilden sich zurück und spüren häufig schon mit 80 Jahren kalt und warm nicht mehr und auch keinen Schmerz bei Karies und beim Bohren.

  • Die Obliteration vermindert auch die Vermehrung der Bakterien in den kariösen Zähnen und somit auch die Bildung von Granulomen und Abszessen.
Einschleifen
Einschleif-Termine
Abnahme des Bruxismus im Alter
Frauen
Männer
20  30  40  50  60  70  80  90
200
150
100
 50
 0

Alterung des Gehirns
T1-MRI
weiss: Axone, grau: Neuronen, schwarz: Liquor

Obliteration
Alterung der Pulpa
durch Obliteration


Mumifikation der Pulpa im hohen Alter

Wie eine subgingivale Karies die Pulpa austrocknet und schmerzlos nekrotisiert

35Mumifikation.jpg
Pulpitis
Druck/Ödem
Ischämie
Koagulations-
nekrose
Trockene Nekrose
Mumifikation
Subgingivale Karies
Obliteration und Pulpitis
Minimale Durchblutung
Pulpa wird ischämisch
Trockene Koagulationsnekrose
evt. dumpfer Schmerz
Faseriges, kollagenreiches Gerüst
Pulpamumifikation
Keine Schmerzen

Pulpa
Mumifikation der Pulpa
in hohem Alter durch ein Gerüst aus Kollagenbündeln

  • Die Mumifikation ist vermutlich schmerzlos
  • wenn in hohem Alter
    subgingivale Lage
    langsamer Verlauf

     

Quellen:
Bender I.B., Seltzer Samuel. Dental Pulp. 3. Aufl,
Philadelphia: Lippincott, 1984
Ricucci D, Bjørndal L – Pulpainflammation und Pulpanekrose bei Kariesprogression.
Springer-Verlag, 2014
Fejerskov O, Kidd E. Dental Caries. 3. Aufl.
London: Blackwell; 2015.


Dementieller Verfall des Kausystems

Verlust des Schmerzgedächtnisses

Wer das Schmerzgedächtnis verliert, der

  • erwartet weniger Schmerzen,
  • befürchtet weniger Schmerzen,
  • verstärkt kognitiv weniger Schmerzen, und
  • erinnert sich weniger an Schmerzen.

Wohl jeder gesunde Mensch würde bei einer wackelnden Porzellanbrücke monatelang Sorgen, Ängste und Schmerzen empfinden und nicht mehr richtig essen können. Dies ganz im Gegensatz zur nebenstehend abgebildeten dementen Patientin.

Das funktionierende Schmerzgedächtnis kann sogar bei harmlosen Vorkommnissen blitzschnell Schmerzgefühle verursachen. So zum Beispiel, wenn der Zahnarzt mit der Nadelspitze aus Versehen die Lippe des Patienten berührt und der Patient deswegen zusammenzuckt. Hat es ihn geschmerzt oder hat er nur so getan?

Dieser Schmerz hat nichts mit Einbildung, Überempfindlichkeit oder mangelnder Willenskraft zu tun, sondern er ist eine Leistung des limbischen Cortex und messbare Erregung von Schmerz-Neuronen. Wenn das Denken über längere Zeit angstvoll auf eine Gefahr eingestellt bleibt, kann es sogar neutrale Reize als bedeutsam und als Schmerz bewerten, besonders, wenn noch eine Hypervigilanz (hohes Misstrauen) besteht. Dann kann man zum Beispiel "ein Elend nicht mit ansehen", was andere als gar kein Elend empfinden.

Kein Schmerz bei Zahnausfall

luxierte Wurzel

Diese Patientin der Sonnweid hat vor dem Mittagessen ihre Porzellan­brücke samt Wurzel aus ihrem Mund genommen und neben ihren Teller gelegt, ohne Emotion und ohne dass es jemand erwartet hat, und hat dann gemütlich mittaggegessen. Nur ist jetzt die linke Wangen­seite etwas eingefallen.


Kein sozialer Leidensdruck wegen Frontzahnabrasion

Die Frontzähne sind nach den Augen das zweitwichtigste Merkmal, das in einem Gesicht betrachtet wird. Sie signalisieren Gesundheit, Jugend und Vitalität, Kraft und Macht und bewirken eine soziale Akzeptanz. Menschen werden mehr beachtet, wenn sie schöne Frontzähne haben.

Diese 60-jährige Patientin (13.05.2026 / 8963) wollte unbedingt ihre beiden Frontzähne wieder so lange haben wie sie früher waren. Deshalb hat sie eine Verschönerung mit Komposit gewünscht. Beide Zähne waren fest, und sie konnte mit ihnen alles schmerzlos abbeissen. Trotzdem war der Leidensdruck erheblich. Das Resultat hat sie so sehr gefreut, dass sie nach der Behandlung gleich auch noch den seitlichen Schneidezahn verschönern lassen wollte.

43KeineScham8963_7235.jpg

Keine Scham wegen Karies

Diese 73-jährige Patientin (18.03.2017 / 7235) beachtet ihre Frontzähne nicht mehr und spürt keinen Leidensdruck ab deren Aussehen. Wahrscheinlich ist ihr soziales Kontrollzentrum im Präfrontalkortex inaktiv geworden.

Allerdings sind ihre Angehörigen sehr erschrocken und wünschten eine Behandlung (siehe unten).

Defekte Frontzaehne


Appetitlosigkeit

44Appetitlosigkeit.jpg

Kein Hunger mehr

Dieser Patient wollte nicht mehr essen. Hatte er Schluckbeschwerden oder Zahnschmerzen? Oder ist das Hungerzentrum im Hypothalamus inaktiv geworden?
Das Rätsel löste sich, als sich eine Pflegerin daran erinnerte, dass er aus einer sehr frommen Familie stammt, in der vor jeder Mahlzeit gebetet worden war. Setzte sich nun jemand neben ihn an den Tisch und faltete die Hände, tat er es auch und konnte dann wieder normal essen.

Schwierige Diagnose

Die Körpersprache signalisiert Schmerzen durch
  - Appetitlosigkeit,
  - Abwehr der Pflege,
  - Grimassieren und veränderte Mimik,
  - Schlafstörungen,
  - Schreien,
  - Rückzug,
  - Muskelspannung,
  - Unruhe usw.

Allerdings ist es immer schwierig herauszufinden, ob sich das Verhalten wegen Schmerzen oder einer dementiellen Denkstörung verändert.


Amygdala-Hijack mit Angst und Aggression

45AmygdalaHijack.jpg

Angstvolle Patientin Diese Patientin wird überfordert, weil mehrere Menschen in ihr Zimmer gekommen sind, die sie nicht erkennt. Die Zähne zeigen eine Kampfbereitschaft, ihr Zurückweichen an die Wand zeigt Angst.


Emotionale Überreaktionen

In der fortgeschrittenen Demenz können sich die Grundemotionen der Amygdala (Wut, Flucht und Angst) sehr deutlich zeigen, weil die Funktionen des Grosshirns erloschen sind. Bis 40% der Heimbe­wohner haben Wachbruxismus und Muskelver­krampfungen an Fäusten, Armen oder Beinen und am Rumpf.

Amygdala-Hijack mit Wut

Wutausbruch

 Kurz vor Wutausbruch?

In der Demenz entste­hen häufig emotionale Überreaktionen nach kleinen Änderungen, weil man diese nicht verstehen kann. Die Betroffenen werden dann wütig, starrköp­fig, verwirrt, be­schämt oder aggressiv usw.

Ein Pfleger kann jetzt versuchen, den Pro­test zu wertschätzen und in kurzen Sätzen Anteil zu zeigen mit „Ja, das regt einen auf.“ oder „Du machst dir Sorgen, was?“. Solche Validationen sind auch ein grosses Thema in der Erziehung von Kleinkindern.


Aggression bei Demenz = Angst, nicht Absicht

53-jähriger Patient (06.04.2011 / 43)

Der Patient sitzt im Wartezimmer. Aber er sei sehr erregt und beisse und schlage auf alle ein.
Als sich die Dentalassistentin ihm bis auf 2 Meter näherte und ihn hereinbitten wollte, sprang er vom Stuhl auf und schlug ihr die Brille vom Gesicht. Und beide Pfleger, die ihn begleitet und zur Zahnbehandlung gebracht haben, konnten es nicht verhindern. Selbstverständlich hat dann der Zahnarzt auf die Behandlung verzichtet und eine Behandlung in Narkose vorgeschlagen. Der Zahn sei dann aber am 23.04.2011, also drei Wochen später, von selber herausgefallen.


Schimpfen, schreien, aggressiv sein

Dahinter steckt keine böse Absicht, sondern Angst bis Todesangst. In einem Wartezimmer beim Zahnarzt verängstigen in einem fortgeschrittenen Demenzstadium alle fremden Leute, ob Patienten, Dentalassistentinnen, Prophylaxeassistentinnen, Dentalhygienikerinnen oder Zahnärzte.


Kein Schuldspruch wegen Demenz


Tötungsdelikt  
Der 74-Jährige, der im Februar 2025 seine Frau und seine Tochter mit zahlreichen Messerstichen getötet hat, wird verwahrt.

Die Aggression entstand aus blosser Eifersucht und Angst, verlassen zu werden. Vielleicht hat er seine Angehörigen nicht erkannt. Die Messerattacke sei völlig unerwartet erfolgt. Der Mann sei ein freundlicher, familienbezogener Mensch gewesen.

Diese Nachricht erschien am 21. August 2026 im Zürcher Oberländer

Schwer dement = schuldunfähig

Bei der Pflege einer schwer dementen Person muss man immer auch auf der Hut sein, dass ihre Stimmung nicht plötzlich umkippt. Dabei kann sie nämlich zu einer maximal aggressiven, tödlichen Verletzungsgefahr werden, besonders auch den Angehörigen gegenüber.


Nebenwirkungen der Medikamente

Diese Medikamente für das Nervensystem bewirken häufig auch Mundtrockenheit:
  • Blutdrucksenker und Diuretika (bewirken auch Verstopfung)
  • Antidepressiva
  • Antihistaminika gegen Allergien
  • Schlaf- und Beruhigungsmittel (z.B. Benzodiazepine)
  • Starke Schmerzmittel (Opioide)
  • Parkinson-Medikamente
85-jährige Patientin (25.05.2023 / 8261)

Sie muss täglich diese 17 Medikamente einnehmen. Sie dienen hauptsächlich zur Beruhigung der Patientin. Rot unterstrichene Medikamente erzeugen eine Mundtrockenheit.

49Polypharmazie_8261.jpg

Polypharmazie + Nebenwirkungen

Medikamente trainieren den Cortex nicht und haben keinen Lerneffekt. Zudem verändert die Demenz den Stoffwechsel im Gehirn. Deshalb verursachen Medikamente bei Dementen oft unerwartete Nebenwirkungen wie starke Angst und Muskelverkrampfungen.

Schmerzmittel + Verstopfung

Eine typische Polypharmazie entsteht, wenn man wegen Schmerzen Opiate einnimmt und diese eine Verstopfung verursachen. Deshalb braucht man noch ein Abführmittel

Abführmittel + Mundtrockenheit

Abführmittel bewirken nicht selten eine Mundtrockenheit.

Sonnweid 2010: keine Medikamente

In der Sonnweid hat Michael Schmieder gute Erfahrungen gemacht mit einer weitgehenden Medikamenten-Abstinenz bei den Bewohnern.

2015 hat ein Ärzteteam die Pflege der Sonnweid übernommen. Sofort wurden etliche moderne Medikamente eingeführt. Keines kann die Demenz heilen, und sie dienen meistens der Beruhigung der Bewohner. Nebenstehend ist ein Beispiel einer solchen Liste von Dauer-Medikamenten einer Patientin.

Dementieller Stress ist anders

Demente Menschen haben weniger gedanklichen Ärger und grübeln nicht über komplizierte Dinge. Sie ärgern sich aber über Missverständnisse, Lärm und ungewohnte Abläufe und können dann ihre Gefühle nicht beherrschen. Deshalb haben sie häufig verkrampfte Kiefer, Fäuste, Schultern usw., und auch die nächtliche Unruhe ist häufig mit Schlafbruxismus verbunden.


1. Leichte Demenz: Wohngruppe

61StressLevel.jpg
Skala Arbeitsreiz
  •  0: kein Reiz: keine Ausweichbewegung
  •  1: Klopfen auf gesunden Zahn
  •  2: Anästhesie Stich nach Salbe
  •  3: Anästhesie Stich ohne Salbe
  •  4: stärkerer Reiz....
Skala Angst/Schmerz
  •  0: kein Abwehrreflex
  •  10: maximaler Abwehrreflex
▬▬ tolerierte Reize

▬▬ Pause nötig, Angstsignale erscheinen

  Abwehrreflexe erscheinen

Behandlung wird verweigert weil zu viel Furcht

Das Stressempfinden in der Demenz kann sehr hoch werden, weil die Patienten die Umstände nicht verstehen. Meistens wehren sie sich gegen alles, was sich verändert.

Zahnbehandlung?

JA Schwellung, Schmerz, Gefahr, Fieber, Risiko Lungenentzündung
WARTEN bei Unsicherheit und keine Gefahr, Kooperation unsicher. Medikamente?
NEIN wenn kein Nutzen, fragile Gesundheit, starke Belastung
Cave: eine Narkose kann Todesfolgen haben

Regeln beim Gespräch   (gemäss aktiv-mit-senioren.de)

  • Auf Augenhöhe begegnen: Suchen Sie immer den Augenkontakt und sprechen Sie in einer ruhigen, freundlichen Tonlage.
  • Einfache Sprache nutzen: Bilden Sie kurze Sätze und sprechen Sie langsam. Vermeiden Sie Ironie oder verschachtelte Sätze.
  • Nicht korrigieren oder diskutieren: Widersprechen Sie nicht, wenn die Person Dinge durcheinanderbringt, sondern akzeptieren Sie deren persönliche Realität.
  • Keine „Warum“-Fragen stellen: Diese können Demenzkranke überfordern und unter Druck setzen.
  • Konstruktiv zuhören: Auch scheinbar zusammenhanglose Sätze enthalten oft tiefe Gefühle oder Bedürfnisse, die es zu erkennen gilt.
  • Fehler zulassen: Weisen Sie die Person nicht auf ihre Fehler hin. Sie köL;nnte mit Scham, Wut oder Frustration reagieren.
  • Wertschätzung zeigen: Loben Sie die Person für das, was sie noch kann, und ermuntern Sie sie, sich im Alltag nützlich zu fühlen.

Bewegungsübung mit Zahnbürste

Eine Bewegungsübung bei der Mundhygiene könnte das Ergreifen der Zahnbürste sein und dann das gezielte Führen der Zahnbärste zum Mund, um dann mit den Borsten der Bürste die Zunge oder die Zähne zu berühren. Dabei muss man

- sich langsam bewegen ohne Hektik und Stress,
- eines nach dem anderen ohne Überforderung,
- jedesmal die gleiche Reihenfolge,
- das Halten der Hand hilft oft mehr als Worte, und
- stets respektvoll bleiben.


Basale Stimulation bei der Mundhygiene

Die Mundhygiene ist eine Gelegenheit zur basalen Stimulation. Die Hilfsmittel richten sich nach dem Patienten, seinen Zähnen, seiner Hand und seiner Vorliebe. Das Ziel ist nicht die Hygiene, sondern den Patienten zu erfreuen. Nicht vergessen: Die Stimulation der Lippen-, Wangen-, Zungen- und Schluckbewegungen kann man durch Spiegeln vormachen, wenn man einen Blickkontakt von Angesicht zu Angesicht herstellt. Die Wangen ausstreichen hilft, die orale Selbstreinigung zu verbessern und allfällige Speiseresten aus den Wangentaschen zu massieren.

Zahnbürstengriff: Um dem Patienten zu helfen, kann man den Griff der Zahnbürste handlicher machen. Benützbar sind weiche, harte oder elektrische Zahnbürsten, Interspace-Zahnbürsten oder sogar Zahnstocher und Zahnseide, die zu einem Spiel mit den Fingern anregen. Vielleicht nur Wattestäbchen oder ein Taschentuch für einen Kontakt mit den Lippen und warmes oder kaltes Wasser zum Spülen?

Aromatische Zahnpasten: Es gibt die BE YOU-Zahnpasten mit verschiedenen Aromen (Curaprox) für frischen Atem. Die Aromen sind Wassermelone, Apfel + Aloe Vera, Grapefruit + Bergamotte, Pfirsich + Aprikose, Brombeere + Lakritze, Gin Tonic + Khaki. Vielleicht ist eine dabei, die besonders gut riecht oder schmeckt?

Warmes Tuch: Wichtig bei einem verspannten Gesicht und bei einer Schmerzvermutung bei eingeschränkter Mundöffnung ist ein warmes Tuch, das man um auf die Wange hält. Die Wärme entspannt den Wangenmuskel sofort und auf eine angenehme Weise.

Spezielle Zahnbürsten und Zahnpasten
Zahnbürstengriff Zahnbürste mit handlichem Griff Zahnpasten mit Geschmack BE YOU-Zahnpasten von Curaprox

Validation bei der Mundhygiene

Das Ziel der Validation ist, Vertrauen aufzubauen und den Widerstand gegen die Mundpflege zu reduzieren. Dabei sollte man dem Betroffenen Sicherheit, Würde und Selbstbestimmung vermitteln und ihn mit lobenden Bemerkungen bestärken wie "Jetzt haben Sie ihre Zähne wieder ganz sauber geputzt." Bei einem solchen Dialog begibt sich ein Pfleger zunächst auf Augenhöhe, sucht dann einen tiefen Blickkontakt und spricht langsam und deutlich.

11 Tipps zur besseren Verständigung mit Menschen mit Demenz

Validation lernen

Hier ein Beispiel, was ohne Validation passieren kann.

Die VA-CH® propagiert die Vier-Schritt-Validation nach Naomi Feil, (siehe Validation Schweiz).


Schaukeln mit basaler Stimulation und Validation um 2010

64Pflege.jpg
Die Schaukel dient zur basalen Stimulation, indem die Pflegerin mit den Füssen die Schaukel bewegt. Zugleich macht die Pflegerin eine Validation, indem sie dem Patienten in kurzen einfachen Sätzen gut verständliche Dinge erzählt und ihn an angenehme private Ereignisse erinnert.

Die Pflege in der Sonnweid

Michael Schmieder leitete bis 2015 die Sonnweid. Seine Pflege legte Wert auf eine weitgehende Freiheit von Medikamenten. Dabei konnte er beobachten, dass die Bewohner nach Absetzen der Medikamente gesünder geworden sind und einige sogar an Gewicht zugenommen haben. Damit sie ihrem Bewegungsdrang frei folgen können, hat er die Sonnweid mit einem schützenden Hag umgeben und richtete an mehreren Stellen kleine Essgelegenheiten ein, wo sie sich im Vorbeilaufen bedienen können.

Die Entwicklung der letzten 30 Jahre

Neue Konzepte sind das Spiegeln der Körperhal­tung, der gezielte Blickkontakt, die biografisch orientierten Berührungen und die integrative Validation. Bei dieser setzt der Pfleger intuitiv die aktuellen Gefühlen ins Zentrum und nicht eine Vier-Schritt-Technik und die vergangene Biografie. Und die basale Stimulation ist nicht mehr nur eine Stimulation der Sinne, sondern ein Medium, das die Sprache ersetzt und mit dem man sich äussern kann. Dabei soll sich der Demente als handelnde Person erleben indem man seine Hand führt, zum Beispiel auch bei der Mundhygiene.


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Der kariöse Wurzelrest von -3 tief unter dem Zahnfleisch mit minimalem Granulom

Unbemerkte Caries profunda mit Mumifikation der Pulpa

Diese 88-jährige Patientin (18.06.2026 / 585) wohnt in einem Altersheim und ist gekommen, weil der Eckzahn -3 plötzlich gewackelt hat. Er ist ein Klammerzahn der unteren Teilprothese, und die Patientin konnte wegen dem wackelnden Zahn nicht mehr mit der Teilprothese essen.

Beim Untersuch stellte sich heraus, dass die Krone nur noch am Nerv hing und gar nicht mit dem Zahnfleisch verwachsen war wie sonst jeweils bei einer Zahnfraktur. Die Krone liess sich mühelos ohne Schmerz in alle Richtungen drehen und kippen und schliesslich mit wenig Kraft und völlig blutungsfrei von der Wurzel abziehen. Interessanterweise hat die Karies die Pulpa nicht verflüssigt sondern ohne Schmerzen mumifiziert.

Car.prof. Der Eckzahn konnte mit einer tief nach subgingival reichenden Kompositfüllung ohne Wurzelbehandlung in einer Sitzung wieder als Klammerzahn rekonstruiert werden (rot umrandet).

2. Mittlere Demenz: Pflegestation

Bewegungsdrang und Verpflegung

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Der Bewegungsdrang entsteht, wenn die Betroffenen ihr Zuhause oder ihren Arbeitsort suchen. Dabei beachten sie weder Zeit noch Ort, vergessen die Mahlzeiten und können nicht mehr für sich selber sorgen.

Verpflegung beim Wandern

Auf ihren Wanderwegen durch die Gänge des Pflegeheims und in der umzäunten Gartenanlage finden die Bewohner an manchen Stellen Teller mit frischem Obst und Gemüse, damit sie ihren Hunger stillen können, ohne einen Esssaal oder eine Kantine zu suchen.

Die Frau spaziert am Mann vorbei ohne ihn zu begrüssen. Und wenn man sie begrüsst ("Guten Tag Frau Meier"), dann grüsst sie nicht zurück und wendet auch den Kopf nicht. Doch ist eine solche Begrüssung mit ihrem Namen eine geistige Stimulation (Validation).

Der Mann sieht zwar die Türe, weiss aber nicht, was man mit ihr machen kann und geht schliesslich ruhig weiter im Gang, ohne die Türe zu öffnen. Aber der nächste Passant wird die Türe vielleicht schon öffnen und sich dann im Nebenraum umsehen.


Abbau der mastikatorischen Funktionen

Im Pflegesaal befinden sich etwa 20 Patienten. Sie liegen alle je in einem Bett und sind wach, bewegen sich aber wenig. Viele legen ihren Kopf nicht auf das Kissen, sondern halten ihn leicht aufgerichtet in der Luft. Im Gegensatz zu einem Einzelzimmer erleben sie im Pflegesaal immer wieder neue Dinge. Sie bemerken jeden Besucher und hören jedes Wort und jedes Geräusch. Sie selber äussern nur noch einzelne kurze Sätze, die sie oft mit lauter Stimme unvermittelt rufen.

Zum Beispiel rief mir ein im Saal liegender Patient "nein, nein, nein" entgegen. Er hat gesehen, dass ich bei seinem Nachbar im Bett die Zähne untersucht habe und befürchtet, dass ich dasselbe bei ihm auch machen wollte. So bin ich an ihm vorbeigegangen und habe beim nächsten Bett einen Untersuch gemacht. Offenbar hat er mich ganz still weiterhin genau beobachtet. Denn als ich alle Untersuche gemacht hatte und den Saal wieder verlassen wollte, rief er mir laut "ja, ja, ja" entgegen. Daraufhin konnte ich auch seine Zähne gut untersuchen.

Weil in der fortgeschrittenen Demenz Sinn und Handhabung einer Zahnbürste vergessen sind, wehren sich die Betroffenen kraftvoll gegen die Mundhygiene. Trotzdem gibt man ihnen hie und da einen süssen Speisebrei, den sie lieben und der ihre Lebensqualität und Ernährung verbessert. Folgedessen verursachen die Zahnbeläge und Speiseresten einen raschen kariösen und parodontalen Zerfall.

Erstaunlicherweise hat der Zahnzerfall keinen grossen Krankheitswert, denn

  • die Betroffenen nehmen ihre Zähne nicht mehr wahr (keine soziale Scham),
  • sie essen nur noch Löffelnahrung (keine mechanische Aufgabe der Zähne),
  • die Zahnwurzeln werden durch die Karies weich und immer kürzer, und
  • kleine entzündliche Granulome schieben die Wurzelreste langsam und kaum schmerzhaft aus dem Zahnfleisch hinaus, bis sie von selber abfallen.

Mundhygiene = basale Stimulation

Eine teilweise noch vorhandene Gewohnheit des Zähneputzens kann zu einer basalen Stimulation verwendet werden. Es spielt keine Rolle, ob die Zahnbürste in den Mund hinein darf oder nicht. Nützlich ist jede Art von Zuwendung des Pflegers zum dementen Patienten.

Geführtes Zähneputzen
Geführtes Zähneputzen Peter Nydahl: Basale Stimulation in der Pflege

Die BESD-Schmerzskala bei Demenz

Mit dem BESD-Schmerz-Assessment kann man die Schmerzen bei Demenz besser erkennen. Es ist abgeleitet von der international verbreiteten PAINAD-Skala (Pain Assessment in Advanced Dementia). Ihr zufolge beobachtet man die folgenden fünf Merkmale:

1. Atmung normal gelegentlich angestrengtschwer, Cheyne-Stokes
2. Äusserungen keine Stöhnen oder KlagenRufen, Schreien, Weinen
3. Gesicht entspannt traurig oder besorgtverzerrt, Grimassen
4. Körper entspannt unruhig, angespanntAbwehr, Versteifung, Schlagen
5- Tröstbarkeit nicht nötigberuhigbar nicht beruhigbar

Alle diese Zeichen entstehen auch bei Angst, Überforderung, Hunger oder Durst, Harnverhalt oder Obstipation, Atemnot, Delir und können Einsamkeit oder fehlende Zuwendung bedeuten. Weil diese Beurteilungen alle unsicher sind, ist Schmerz nicht einmal dann ausgeschlossen, wenn keiner erkennbar ist. Ein gute Hilfe ist es, den Verlauf zu beobachten, der auf eine Veränderung der Umstände folgt.

Viele Muskelsteifigkeiten können Schmerz vortäuschen, begleiten oder verursachen. Die Steifigkeit kann eine Paratonie oder ein Parkinson-Rigor sein. Aber es kann auch einer der zahlreichen frühkindlichen Reflexe sein wie der Greifreflex, Moro-Reflex, Babinski-Reflex, Brustsuchen (Wiki: frühkindlicher Reflex).

Wenn ein dementer Bewohner nicht mehr sprechen kann, muss man sich immer wieder fragen, ob er vielleicht Schmerzen hat oder nicht, damit man ihm allenfalls etwas helfen kann.
Aber Schmerzen sind nicht einfach zu erkennen, denn auch gesunde Menschen können sehr verschieden auf Schmerzen reagieren.
Einige sind hochsensibel und klagen schon bei einem leisen taktilen Gefühl, wenn es oder weil es ihr Schmerzgedächtnis erregt oder eine Befürchtung auslöst. Und andere sind sehr robust und klagen auch dann nicht, wenn bereits eine kleine Verletzung vorliegt.


Basal orientierte Zahnfüllung im Beisein von Familienangehörigen

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zweihänidges Exkavieren

Behandlung im Rollstuhl. Der Ehemann hält den Sauger.

  • Der Zahnarzt bohrt trocken, weil Wasser irritiert.
  • Er führt den Bohrer beidhändig, damit er nie abrutscht.
  • Er bohrt mit wenig Druck, damit der Zahn nicht vibriert.
  • Er bohrt ohne Wischbewegungen und nur schrittweise.
  • Er präpariert nur kurz, um Vibrationen zu vermindern.
  • Tourbine und grosses Absaugrohr sind zu laut.
  • Handschuhe riechen und fühlen sich fremdartig an.
  • Niedrigste Drehzahl, damit der Motor leise bleibt.
  • Er benutzt nur neue Bohrer, damit sie auch ohne Druck und hohe Umdrehungszahl funktionieren.
  • Er stützt beim Bohren einen Finger auf den Zahn, um die Vibration zu dämpfen.

Trotz der tiefen Karies bis zum Nerv war dank der reizarmen bimanuellen Haltetechnik keine Anästhesie nötig, und die Patientin hat vor und nach der Behandlung keinerlei Medikamente bekommen.

Emotionales Erkennen von Stimme und Körpergeruch der Familienangehörigen

Nicht zu unterschätzen ist die Wirkung der Stimmen der beiden Familienangehörigen. Diese beruhigen auch bei schwerer Demenz die Betroffenen oft mehr als die Stimmen der Pfleger. Die Hand des Ehe­manns auf der Stirn schützte die Augen der Patientin vor dem Licht und vor anderen visuellen Reizen, erzeugte aber vor allem ein basales Gefühl der Geborgenheit. Und der Sohn konnte seine Mutter immer wieder an seine Präsenz erinnern, indem er ihr Bein berührte, manchmal validierend und ermunternd streichelte oder lobend tätschelte, oder es gar kurz massierend knetete. Aus der Erinnerung war seine Ansprache vorwiegend rein innerlich. Doch gerade da spielte sein Körpergeruch eine wichtige Rolle und beruhigte seine Mutter. Die Verhaltensweisen der Familienmitglieder entsprechen den Erwartungen, dem Charakter und den Gewohnheiten, die tief im privaten Zusammenleben der Familie verankert sind, averbal, instinktiv, individuell typisch und verschieden, gespeichert in den Hirnregionen der Amygdala, des Hippocampus und des Geruchsinnes.

Diese Behandlung wurde nicht wegen Schmerzen oder einer gesundheitlichen Gefahr gemacht, sonder weil der Ehegatte die Karies bei den Frontzähnen seiner Frau (siehe oben) nicht dulden konnte und wusste, dass sie diese auf keinen Fall hätte akzeptieren können. Es war also ein sozial-ästhetischer Notfall.

So kam die 73-jährige Patientin (18.03.2017 / 7235) im Rollstuhl in Begleitung ihres Sohnes und ihres Gatten. Ihr Gatte legte seine Hand auf ihre Augen und Stirn. So konnte er das blendende Licht abhalten und verhindern, dass sind Frau all die Instru­mente der Zahnbehandlung sehen konnte. Und ihr Sohn sass auf einem Stuhl neben ihren Beinen und berührte diese gelegentlich. Zwischendurch sprachen die beiden Männer mit­einander. So konnte sie ihre Stimmen hören, was bekanntermassen einen beruhigenden Effekt hat. Er war so stark, dass sie die ganze Zahnbehand­lung ganz ruhig und ohne jede Abwehr erdulden konnte.

nach der Behandlung Die Karies ging bis zum Nerv ( Nerv zeigen). Trotzdem zeigte die Patientin in keinem Moment ein Zeichen des Schmerzes.
nach der Behandlung Nach der Behandlung wurde die Lehne des Rollstuhls wieder hochgestellt, und sofort öffnete die Patientin die Augen und lachte, als ob sie die Zahnverschönerung begriffen hätte.

Anderthalb Jahre später ist die Patientin verstorben.


3. Schwere Demenz: Oasestation

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Retrudierte Fronten in der Oase

Beide Patientinnen haben mit ihren Saugbewe­gungen die Zähne fast 90° nach hinten gekippt. Sie liegen nur noch im Bett und bekommen seit vielen Monaten Löffelnahrung.

Die Zahnbeläge entzünden das Zahnfleisch. Jeder Putzversuch wird durch kraftvolle Abwehrbewe­gungen der Lippen, Zunge, Hände und des Kopfes verhindert.


4. Post-mortem: Zahnstatus

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Lingual gekippte Zähne

Diese erst gerade verstorbene Frau (80-jährige Patientin (18.10.2006 / 4817)) hat durch Saugbewegungen alle Zähne etwa 30° in den Mundraum hinein gekippt.

Die ebenen Kauflächen und abgeschliffenen Schneidekanten sind durch den früheren Bruxismus entstanden. Dieser ist stressbedingt und wird vom limbischen Cortex aktiviert. Das Bild der Zähne zeigt, dass der limbische Cortex jetzt nur noch frühkindliche Bewegungen macht.

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Der abgebrochene Molar rechts unten wird nicht belastet und wegen der Karies beständig kleiner. Das apikale Granulom ist sehr klein. Der Zahn hat wohl nie geschmerzt.


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Desolates Gebiss

Diese erst gerade verstorbene Frau (96-jährige Patientin (11.11.2006 / 4862)) hat alle Zähne bis zu etwa 30° schief in den Mundraum hinein gekippt.

Kariöse Wurzelreste und schwere Parodontitis prägen das Bild. Aber Schmerzen sind keine zu vermuten, weil die Zähne nicht belastet werden und auch von selber ausfallen.

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Der 12 hat ein kleines Granulom und wird nicht belastet.
Der 26 hat ebenfalls nur ein kleines Granulom und wird nicht belastet.

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erstellt: 01.01.2018 - 25.10.2026